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Victor Klemperer und die Angst vor dem Nichts.

Ein Beitrag zur Diskussion über Humanismus als Lebens- und Weltorientierung
von Prof. Dr. Peter Schulz-Hageleit [1]


Viktor Klemperer (1881 - 1960),
Bildquelle: One World Berlin

 

Eine existenzielle Frage

Das Meer der humanistischen Lebens- und Weltorientierung [2], das sich außerhalb der religiösen Offenbarung sowie ihren kirchlichen Verwaltungen konstituiert hat und in unablässiger Bewegung ist, hat viele ideen- und realgeschichtliche Quellen und Strömungen. Ein bisher wenig beachteter Zufluss ist im Leben und Werk von Victor Klemperer zu finden, Humanist und Literaturwissenschaftler (Fachgebiet Romanistik).
Es ist hier nicht möglich, das Gesamtwerk Klemperers zu würdigen, zumal eine umfassende, kritische Biographie m. W. bisher nicht vorliegt. Statt dessen möchte ich eine einzelne Erkenntnis herausheben, die mir die Lektüre der Tagebücher Klemperers aus den Jahren 1933-1945 eröffnet hat.Sie antwortet in existenziell zwingender Weise auf eine Frage, die sich Humanistinnen und Humanisten immer wieder stellen, nämlich: Was gibt uns eigentlich Halt und innere Gewissheit, wenn wir keinen Gott (in kirchlich dogmatisierter Deutung [3]) und kein Jenseits haben, die uns Trost, Erlösung und einen alle Nöte überbrückenden Lebenssinn in Aussicht stellen?

Oder, schärfer formuliert: Wie begegnen wir der Angst vor dem Nichts?

 

Lebensaufzeichnungen 1933 -1945

Die Angst, ja "das Grauen vor dem Nichts" war für Klemperer kein metaphysisches Problem, sondern die unausweichliche Folge physisch-existenzieller Erniedrigungen und Gefährdungen, die er täglich erdulden musste; denn er war Jude (wenn auch zum Protestantismus übergetreten) und hatte als solcher unter den Nationalsozialisten mit Deportation und Vernichtung im KZ rechnen.

Seine "arische" Frau Eva und sein Renommee als international bekannter Literaturwissenschaftler schützten ihn, aber eine verlässliche Sicherheit bot diese Lebenskonstellation nicht, wie in anderen Fällen schmerzhaft deutlich wurde. [4] Die Entrechtung aller Juden machte jährlich rasante Fortschritte, Hunger und Kampf ums tägliche Überleben bestimmten den Alltag. Freunde und Verwandte, Nachbarn und Bekannte wurden willkürlich verhaftet und in Sammeltransporten weggeschafft, sie gingen im Elend der Recht- und Mittellosigkeit zugrunde oder setzten ihrem Leben selbst ein Ende. Der nächste Transport nach Theresienstadt konnte auch ihn erfassen.
Neben der Angst um das eigene Leben trieb Klemperer die Angst um sein Lebenswerk um. Seine Bücher und Manuskripte sowie natürlich das Tagebuch waren nirgends sicher. Er musste sie bei sich verstecken oder zu "arischen" Bekannten bringen, aber auch dort waren sie in Gefahr, von systemtreuen Deutschen entdeckt und verraten oder aber durch einen Bomberangriff der Alliierten vernichtet zu werden. In dieser existenziellen Zuspitzung ist die Angst, völlig ausgelöscht zu werden, keine Spur zu hinterlassen, im namenlosen Nichts zu enden, für uns heute schwer nachvollziehbar und doch nicht ganz außerhalb persönlicher Erfahrungen, weil sich die Frage nach dem, was bleibt, wenn existenziell nichts mehr ist, auch in einem äußerlich gesicherten Leben immer wieder aufdrängt.

Die religiösen Quellen des Trostes und der Hoffnung blieben Klemperer verschlossen; er war auch in der äußersten Lebenseinschränkung nicht bereit, hier einen Ausgleich zu suchen. Was hat er der trostlosen Aussichtslosigkeit entgegengesetzt? Wie hat er die Erschöpfungen überstanden und das tägliche Elend überwunden? Was hat ihm die Kraft gegeben, die intellektuelle Arbeit vor allem am Tagebuch kontinuierlich fortzuführen?

Lesen wir vor der Erörterung dieser Frage einige charakteristische Zitate aus den Tagebüchern:
"Ich möchte so unendlich gern noch ein paar Jahre leben, ich habe vor gerade diesem Tod, dem vielleicht tagelangen Warten mit Gewissheit des Sterbens, dem vielleicht Gefoltertwerden, dem Auslöschen in absoluter Einsamkeit ein solches Grauen. Ich rette mich immer wieder in das, was jetzt meine Arbeit ist, in diese Notizen, meine Lektüre." (25 Juli 1942)

"Ich habe so wenig, so gar kein Talent zum Glauben; von allen Möglichkeiten scheint mir das Nichts, was die Persönlichkeit anlangt, und auf die allein kommt es ja an, denn was soll mir das 'All' oder das 'Volk' oder sonst irgend etwas, das nicht Ich bin? - das Nichts scheint mir das Allerwahrscheinlichste. Und nur vor ihm, nicht vor dem ‚ewigen Richter’, in welcher Form auch immer, schrecke ich zurück." (27. September 1944)

"Irgendwie mich mit dem Todesgedanken abzufinden, vermag ich nicht; religiöse und philosophische Tröstungen sind mir vollkommen versagt. Es handelt sich nur darum, Haltung bis zuletzt zu bewahren. Bestes Mittel dafür ist Versenkung ins Studium, so tun, als hätte das Stoffspeichern wirklich Zweck." (31. Dezember 1944)

"Beim Zurechtmachen des Manuskript-Paketes quälte mich wieder die Frage, ob ich jemals etwas von all dem Gespeicherten werde ausnützen können. Aber daran darf ich natürlich nicht denken, wenn ich nicht in vollkommenes Nichts versinken will." (22. Januar 1945)

Zur Hermeneutik von Erfahrungen

Mit drei Stichworten lässt sich Klemperers Lebens- und Überlebensstrategie zusammenfassen: erstens "Haltung" bewahren; zweitens die durch das Elend zerrissenen Gedanken und Gefühle sammeln (u. a. durch intellektuelle Arbeit); drittens das Leben lieben und am Fortgang des Lebens unbegrenzt festhalten (so tun, als ob...).

Zu 1) Die Wörter Halt und Haltung verdeutlichen besonders eindringlich das Zusammenspiel von psychologisch-inneren und körperlich-äußeren Faktoren. Wenn wir sagen, das ist ein Mensch ohne Halt, dann haben wir weniger (oder zumindest nicht nur) ein körperliches Schwanken und Taumeln vor Augen als vielmehr einen Mangel an innerer Sicherheit und die geistig-seelische Orientierungslosigkeit. Wenn Klemperer "Haltung bis zuletzt" zu bewahren suchte, dann meinte er mit Sicherheit beides: die körperlich standfeste Figuration wie auch Festigkeit des Willens und innere Würde, die in der täglichen Todesangst zu zerbrechen drohten. Äußerer Halt und innere Stabilität bedingen sich wechselseitig, das gilt sowohl für persönlich-intime als auch für institutionelle Beziehungen.

Wir Menschen (alle Menschen, ob religiös oder humanistisch gebunden) sind immer wieder in Gefahr, durch äußere Ritualisierungen auszugleichen, was an innerer Festigkeit fehlt. Die Geschichte der Kirchen und der zivilen Religionen zeigt das zur Genüge. Für die humanistische Lebens- und Weltorientierung ist es daher wesentlich, auf diese Balance von außen und innen zu achten. Wenn es Klemperer in der äußersten Lebensreduktion (Hunger, Krankheit, Erschöpfung, Angst, Hoffnungslosigkeit) ohne äußere Stützen immer wieder gelang, standzuhalten und weiterzumachen, dann war das eine ungewöhnliche Lebensleistung, die uns helfen kann, selbst "Haltung" zu bewahren, wenn es mal drüber und drunter geht.

Freilich, es muss noch einmal betont werden: Klemperer hätte diese Respekt fordernde Lebensleistung (das erkannte er selbst mit großer Klarheit), ohne seine Frau Eva nicht erbringen können. Sie hielt und erhielt sein Leben, sowohl äußerlich (als "Arierin" konnte sie z. B. Nahrungsmittel beschaffen, an die er als Jude bald nicht mehr rankam) als auch innerlich durch die absolute Verlässlichkeit in der ehelichen Bindung, die erheblichem Druck von außen ausgesetzt war (suggestive Aufforderung zur Scheidung der Mischehen durch die Nazis).

In ihrer Verschränkung von inneren und äußeren Bedingungsfaktoren haben Halt und Haltung auch pädagogisch-didaktische Relevanz; denn Kindern und Jugendlichen fehlt ja heutzutage oft beides, der innere und der äußere Halt. Dementsprechend bereitwillig wenden sie sich politischen oder narkotisierenden Ersatzangeboten zu, die das Problem aber nur verschärfen. Äußerlich anzusetzen (etwa durch Verhaltensregeln und Beziehungsstabilität), ohne die Notwendigkeit einer durchaus anstrengenden eigenen Haltungsformierung außer Acht zu lassen, das bleibt eine wesentliche Aufgabe der humanistischen Lebenskunde.

Zu 2) Klemperer braucht das kontinuierliche Tagebuchschreiben sowie weitere geistige Tätigkeiten, um den Sinnlosigkeiten der damaligen Zeit standhalten zu können. Was für Klemperer die Arbeit am Schreibtisch war, war und ist für andere die Werkstatt, die Musik, der Sport, ein Job, ein Hobby, der Garten ... Wichtig ist, dass wir überhaupt tätig bleiben und uns nicht, wie es umgangssprachlich heißt, gehen oder "hängen" lassen (abermals eine Metapher, die auf das Ineinander von Körper und Geist verweist).
Wenn man sieht, mit welchen Antriebsschwächen und Sinnlosigkeitsgefühlen ("Es hat doch alles keinen Zweck") viele Menschen zu kämpfen haben, dann kann man über Klemperers entgegengesetzte Lebensenergie nur staunen - über die seiner Frau allerdings auch, ja noch mehr; denn ihr fehlte ja jegliche Aussicht, durch Schriftstellerei wie ihr Mann vielleicht doch wieder Anerkennung und Ruhm zu erringen.

Es gibt kein Sesam-öffne-dich zu jenen Lebensenergien, die den Weg zum guten, zum graduell besseren Leben offen halten und fortsetzen, außer vielleicht die wohltuende Erfahrung, die das tätige Leben selbst vermittelt [5], auch und gerade dann, wenn es so bedroht und reduziert war wie in der hier skizzierten geschichtlich-lebensgeschichtlichen Konstellation. Klemperer selbst wunderte sich über die Hartnäckigkeit der Lebenslust unter den elenden Lebensbedingungen:

"Mir vorstellen, was so naheliegt, dass morgen, dass heute ich verhaftet bin, und Eva und ich sind an der Stelle der Hirschels - es ist unausdenkbar grässlich, mit keiner Erinnerung an Flandern, mit keiner je durchlebten Todesangst zu vergleichen. Und doch vermag ich diese Aufzeichnungen hier nicht zu unterlassen. Tapferkeit? Eitelkeit? Fatalismus? Recht oder unrecht? - Das Seltsamste: All das schüttelt mich minutenlang; dann schmeckt wieder das Essen, die Lektüre, die Arbeit; alles geht weiter comme si de rien n'était. Aber der seelische Druck ist doch immer da." (30. Oktober 1942)

Sigmund Freud (1856-1939) unterschied bekanntlich zwischen Eros (Libido, Lebensverlangen) einerseits und Thanatos (Todes- und Destruktionstrieb) anderseits. [6] Erich Fromm (1900-1980) hat diese Grundidee aufgegriffen und Biophilie (Liebe zum Leben und zum Lebendigen) und Nekrophilie (Liebe zum Toten, Leblosen) einander gegenüber gestellt. [7] Ob diese Antinomien heuristischen Wert haben oder gar "stimmen", möchte ich hier nicht erörtern, statt dessen aber festhalten, dass Tätigkeit, Arbeit, Vita activa und Kampf für ein besseres Leben nicht hinterfragbare Essentials einer humanistischen Lebens- und Weltorientierung sind, die deswegen nicht in Aktionismus verfallen und die Kontemplation ganz außer Acht lassen wird. Wir müssen uns nicht ständig mit den letzten Sinnfragen plagen, auf die es ohnehin immer nur begrenzte Antworten gibt. Verdrängungen sind nicht nur negativ oder gar pathologisch; sie haben, so wie Klemperer sie für sich in Anspruch nahm, auch Anteil an der Lebensvernunft.

Zu 3) Klemperer bewahrte sich auch in der größten Verzweiflung einen Rest Hoffnung und handelte so, als wenn eine Wendung zum Guten und damit auch der Bestand des Lebenswerkes gesichert seien. Die bohrenden (und realistisch durchaus begründeten) Zweifel an dieser Aussicht verdrängte er. Dieses "So tun als ob" war aber kein wahnhaftes Ausweichen vor dem Tod, sondern lebenspraktischer Vorgriff auf eine Philosophie der Unsterblichkeit, die vom modernen Humanismus leider kaum weiter entwickelt wurde, obwohl sie seit Sokrates' Freitod und ihrer Begründung sozusagen auf der Tagesordnung steht.
"Unsterblichkeit" - ist das für Humanistinnen und Humanisten nicht eine verschmähte oder gar ideologisch untersagte Vorstellung? Einige Stichworte müssen hier genügen, um anzudeuten, was gemeint ist.

Teilhabe am schier Lebendigen...

Sicherlich akzeptieren wir Sterben und Tod als Natur-Gegebenheiten des menschlichen Lebens und stellen uns aktiv darauf ein, etwa in Form von Lebensstiländerungen, Testamenten, Patientenverfügung usw. Das heißt aber nicht, dass wir uns vom unausweichlichen Ende der physischen Existenz her bestimmen oder gar tyrannisieren lassen, im Gegenteil:

  • ganz gegenwärtig sein, sich weder vom Vergangenen noch vom Zukünftigen übermäßig absorbieren lassen;
  • den Anfang wagen - immer und immer wieder;
  • ins Sein eintauchen mit allen Sinnen;
  • das Leben über die eigenen Lebensgrenzen hinweg lieben;
  • wissen und fühlen, dass man von der Vor- und Nachwelt nicht getrennt ist;
  • unbedingt festhalten an dem, was uns teuer ist und fortgesetzt werden sollte;
  • kollektiv denken, kommunikativ handeln, als wenn es kein Ende gäbe...

das sind einige Elemente der humanistischen "Als-ob-Unsterblichkeit", die uns mit dem physisch-körperlichen Ende versöhnt, wenn wir uns als Teil eines transzendierenden Lebensprozesses verstehen. [8]

Wenn die Fähigkeit zu lieben in uns nicht verkümmert (was, bitte schön, mehr verlangt als Sex und Star-Verehrung), argumentiert der englische Humanist Bertrand Russel (1872-1970), gelangen wir dahin, "uns als Teil des großen Lebensstromes zu empfinden, statt als eine harte, für sich bestehende Einheit wie ein Billardball, der mit anderen solche Einheiten keine Beziehung außer der des Zusammenpralls haben kann. (...). Der glückliche Mensch fühlt sich als ein Bürger des Alls, der ohne Hemmung das Schauspiel, das es bietet, und die Freuden, die es schenkt, genießen kann - unbekümmert von dem Gedanken an den Tod, weil er sich von denen, die nach ihm sein werden, nicht wirklich getrennt fühlt. In solch inniger, naturbestimmter Vereinigung mit dem Strom des Lebens vollzieht sich die tiefste Beglückung, die wir finden können." [9]

Wenn wir Arbeit, Mühe und tätiges Leben stärker berücksichtigt sehen wollen, müssen wir Russells "Lebensstrom" mit Hannah Arendt (1906-1975) durch "Lebensprozess" ersetzen und uns die Seligkeit bewusst machen, „des schier Lebendigen teilhaftig zu werden“. Arendt schreibt weiter: "Den Lohn für Mühe und Arbeit zahlt die Natur selbst, der Lohn ist Fruchtbarkeit; er liegt in dem stillen Vertrauen, dass, wer in Mühe und Arbeit sein Teil getan hat, ein Teil der Natur bleibt in Kindern und Kindeskindern." [10]

Überwindung von Zwangssystemen

Klemperer hätte mit der inneren Symbolik von transzendierenden Lebensgefühlen und -gedanken nicht viel anfangen können. Seine Angst vor der Vernichtung im physischen wie im metaphysischen Sinn wurde nicht durch einen wie auch immer gearteten philosophischen Unsterblichkeitsdiskurs gemildert, sondern durch das Vorrücken der Sowjetarmee, die schließlich Dresden besetzten und von den Nazis befreiten. Auch diese politisch-materielle Lebenssicherung der bis dahin vom Tode Bedrohten gehört zum Thema. Dass die Befreiung neue Zwänge schuf, gegen die widerständige Lebensenergien zu mobilisieren waren, ist ein neues Thema, das in einer gesonderten Studie zu erörtern wäre. In den Tagebüchern lehnte Klemperer den Bolschewismus als Zwangssystem ebenso ab wie den Nationalsozialismus. Die Ablehnung historisch-politisch in einem emanzipatorischen Lebensprozess wirksam werden lassen, das blieb anderen vorbehalten. Wir sind immer am Anfang.

Ergänzungen 2006…

Die totale Vernichtung / Negation durch den Tod ist auch ein Leitmotiv in Jean Amérys Abhandlung Über das Alter. Aber Améry hat nicht dieselbe Angst wie Klemperer. Er klagt eher depressiv, ohne physisch direkt bedroht zu sein. Aber er war mal in der Existenz bedroht und bis zu Tode verletzt (Folter).

 


Anmerkungen

[1] Dieser Beitrag wurde in gekürzter Fassung erstmals abgedruckt in: diesseits, Zeitschrift des Humanistischen Verbandes, Heft 1/2005.

[2] Die (bewusst gewählte) Metapher des Meeres evoziert Tiefen, Grenzenlosigkeit, Unbewusstes. Die hier ebenfalls mögliche Metapher des Feldes (Aufgabenfeld, Untersuchungsfeld, mit beiden Beinen auf der Erde stehen usw.) würde dagegen mehr die wissenschaftlich-sachliche Argumentation zur Geltung bringen, die im Folgenden durchaus in Anspruch genommen wird.

[3] Der leibhaftige Gott, der geglaubt und angebetet wird, ist etwas anderes als die philosophischen Gottesmetaphern, über die man sich immer wieder verständigen muss. (Auch der A-theist bezieht sich rein sprachlich mit seiner selbstdefinitorischen Verneinung auf Gott.) Dementsprechend ist auch der religiöse Glaube an die leibhaftige Unsterblichkeit etwas anderes als der philosophische Unsterblichkeitsdiskurs, auf den wir weiter unten noch eingehen.

[4] Zur Erinnerung: Goebbels wollte nach seiner Sportpalast-Rede am 18. Februar 1943 Berlin zu einer "judenfreien" Stadt machen und ließ daher auch die mit arischen Frauen verheirateten Juden verhaften. Diese Frauen leisteten jedoch hartnäckigen Widerstand, so dass Goebbels die Aktion schließlich abbrach, um weiteres Aufsehen zu vermeiden, Die Ereignisse in der Rosenstraße wurden inzwischen verfilmt. Zur historischen Rekonstruktion vgl. Stoltzfus 1999.

[5] Grundlegend für diesen Themenbereich ist Hannah Arendts Buch Vita activa.

[6] Ausführlicher dazu äußerte sich Freud u. a. in seiner Schrift Das Ich und das Es, IV. Kapitel Die beiden Triebarten. Weitere Texte sind mit Hilfe der Indices (Todeswunsch, Todestrieb) in den verschiedenen Sammelbänden leicht zu finden.

[7] Ausführlicher dazu äußerte sich Fromm u. a. in seinem Buch Die Seele des Menschen, drittes Kapitel, Die Liebe zum Toten und die Liebe zum Lebendigen.

[8] Mit "transzendieren" ist die ergebnisoffene, geistig-kommunikative Bewegung des Überschreitens von Grenzen gemeint (besonders Grenzen der unmittelbaren Erfahrung und des eigenen Lebens) und nicht "die" Transzendenz als gottähnlicher quasi fester Bezugspunkt, wie ihn etwa der Existenzphilosoph Karl Jaspers (1883-1969) im Sinn hatte. Existenz sei auf Transzendenz bezogen, lehrte Jaspers. Das kann philosophisch konstruiert, empirisch aber nicht (oder nur ausnahmsweise) realisiert werden, wie u. a. das Beispiel Victor Klemperer lehrt.

[9] Russell, a.a.O., S. 171. Weitere Textstellen, die den "Lebensstrom" thematisieren, S. 135f.

[10] Arendt, a.a.O., S. 97. Arendt wollte ihr Buch ursprünglich Amor mundi, Liebe zur Welt, nennen. Das fügt sich gut in die hier entwickelte Argumentation ein.

 


Bibliographie

Arendt, Hannah: Vita activa. Oder: Vom tätigen Leben. Piper, München 1992.

Freud, Sigmund: Das Ich und das Es (1923). In: Studienausgabe des Fischer-Verlages, Bd. 3 (Psychologie des Unbewußten), Frankfurt a. M. 1975.

Fromm, Erich: Die Seele des Menschen. Ihre Fähigkeit zum Guten und zum Bösen. Ullstein, Frankfurt a. M. 1981.

Platon: Apologie des Sokrates. Kriton. Übersetzung, Anmerkungen und Nachwort von Manfred Fuhrmann. Reclam, Stuttgart 2002.

Jaspers, Karl. Von der Wahrheit. Piper, München 1991.

Klemperer, Victor: Tagebücher 1933-1945. Aufbau Taschenbuch Verlag, Berlin 1999.

Ders.: Der alte und der neue Humanismus. Vortrag, gehalten im Kulturbund Dresen. Aufbau-Verlag, Berlin 1953.

Russell, Bertrand: Eroberung des Glücks. Neue Wege zu einer besseren Lebensgestaltung (engl. 1930). Suhrkamp, Frankfurt a.M. 1978.

Schulz-Hageleit, Peter: Am Jungbrunnen des Lebens. Eckwerte humanistischen Denkens. Peter Lang, Frankfurt a.M. 2002.

Stoltzfus, Nathan: Widerstand des Herzens. Der Aufstand der Berliner Frau in der Rosenstraße 1943. Hanser, München 1999.