Reis, Martina, Nachdenklichkeit, Öl auf Holz, 18x24 cm, www.reis-kunst.de

Denkimpulse: Einführung in das geschichtliche und
geschichtsdidaktische Denken

Rodin, Auguste, Der Denker, Bronzeskulptur, 1904.

1. Klio und Medusa

  1. Wo begegnet uns Geschichte im Alltag? Können Sie einige Beispiele nennen?
  2. Können Sie einen geschichtlichen "Gegenstand" nennen ("Gegenstand" sowohl im wörtlichen als auch im übertragenen Sinn), der Sie innerlich mehr als üblich beschäftigt hat?
  3. Die Vergangenheit hat angenehm-erfreuliche, aber auch unerfreulich-deprimierende Seiten. Können Sie Beispiele für beides nennen?
  4. In seiner Gesamtheit wird das historische Geschehen oft mit Metaphern, Symbolen, Bildern und Vergleichen zusammengefasst (z. B. "Strom der Geschichte", Geschichte als Rad oder Kreislauf, Geschichte als Theater usw.). Was assoziieren Sie gefühlsmäßig-bildhaft beim Begriff "Geschichte"?

2. Ranke und das schwierige "Ich"

  1. Welche Rolle spielt Ihrer Meinung nach das persönlich "Ich" (Lebenserfahrung, ethnische Zugehörigkeit, sozialer Status, Geschlecht, Alter usw.) bei der Beschäftigung mit Geschichte?
    Ist beispielsweise der Weltfrauentag (08. März, seit 1910) für Sie ein wichtiges Datum?
  2. Ranke sagte in seiner "Englischen Geschichte":
    "Ich wünschte, mein Selbst gleichsam auszulöschen und nur die Dinge reden, die mächtigen Kräfte erscheinen zu lassen..." Ist dieser Wunsch Ihrer Auffassung nach illusorisch?
    Was lässt sich zu seiner Verteidigung sagen?
  3. Soll der Lehrer / die Lehrerin im Geschichtsunterricht bei historisch-politischen Streitfragen (z. B. Beurteilung bestimmter Persönlichkeiten oder Ideologien) seine / ihre persönliche Meinung sagen?

3. Die historischen Tatsachen und ihre Bedeutung(en)

  1. Goethe sagte in einem Gespräch mit Eckermann (notiert ebd. am 29.03.1831): "Ein Faktum unseres Lebens gilt nicht, insofern es wahr ist, sondern insofern es etwas zu bedeuten hat." Können Sie diesen Satz mit eigenen Erfahrungen erläutern und bestätigen?
  2. Nennen Sie spontan aus dem Gedächtnis eine historische "Tatsache" bzw. einen Tatsachen Zusammenhang (Datum, Person, Ereignis), den Sie behalten haben. Was mag der Grund sein, dass Sie genau diesen Zusammenhang erinnern?
  3. Was fällt Ihnen spontan zur Geschichte Afrikas ein? Zur Geschichte der Frauen? Zur Geschichte der Deutschen? Fallen Ihnen dabei quantitative und qualitative Unterschiede auf?
  4. Welche Bedeutung hat der Thesenanschlag Luthers (31.10.1517) a) für einen Kardinal der katholischen Kirche? b) für einen muslimischen Bosnier? c) für ein verliebtes junges Mädchen? d) für einen deutschen Geschichtslehrer?

4. Verdrängte Geschichte

  1. Das Substantiv "Verdrängung" (bzw. das Verb "verdrängen") hat eine materiell-konkrete Bedeutung (z. B. Verdrängungswettbewerb in der Wirtschaft) und eine psychologisch-metaphorische Bedeutung (etwa als unbewusst aktives "Vergessen" einer Niederlage). Fallen Ihnen weitere Beispiele für beide Wortbedeutungen ein?
  2. Verdrängt wird nicht nur Böses und Peinliches, sondern auch "Gutes", z. B. Mitgefühl für Gegner u. ä. Fallen Ihnen dazu Belege aus Geschichte und Lebensgeschichte ein?
  3. Welche Rolle spielen Verdrängungen Ihrer Meinung nach im historisch-politischen Leben und im geschichtlichen Denken?
  4. Denken Sie an den Geschichtsunterricht, den Sie aus eigener Erfahrung kennen: Gab es dort Ihrer Meinung nach eine Tendenz zur Verdrängung?

5. Die ethische Dimension geschichtlichen Denkens

  1. Müssen wir vergangenem Unrecht gegenüber ein "schlechtes Gewissen" haben? Durchdenken (bzw. diskutieren) Sie diese Frage anhand konkreter Inhaltsbeispiele.
  2. In der Wissenschaft muss nach Max Weber (Die "Objektivität" sozialwissenschaftlicher und sozialpolitischer Erkenntnis, 1904) jederzeit deutlich sein, "dass und wo der denkende Forscher aufhört und der wollende Mensch anfängt zu sprechen, wo die Argumente sich an den Verstand und wo sie sich an das Gefühl wenden."
    Könnten Sie bei sich selbst feststellen, wo "der wollende Mensch" anfängt zu sprechen und welche Rolle das Gefühl im geschichtlichen Denken spielt?
  3. Was verbinden Sie gefühlsmäßig mit Wörtern wie Aufstieg, Sieg, Triumph? Was verbinden Sie mit Wörtern wie Zerfall, Niederlage, Kapitulation. Setzen Sie Ihre Assoziationen in Beziehung zu Kapitelüberschriften bzw. Schlagworten wie "Aufstieg des Nationalsozialismus" und "Untergang des Römischen Reiches".
  4. Gibt es in Ihrem geschichtlichen Denken Ereignisse oder Personen, die Ihnen sozusagen Mut machen für die Zukunft? Würden Sie diese Inhalte den Lernenden als Lebensorientierung anbieten?
  5. Ein Schulbuchautor bewertet 1995 die Geschichte der alten BRD als vollen Erfolg, für den man "dankbar" sein müsse, während er gleichzeitig die Geschichte der DDR als Irrweg abwertet. Was halten Sie von solchen Werturteilen?
  6. Haben Sie schon etwas von "Historischer Friedensforschung" gehört? Was ist das? Versuchen Sie sich mit Hilfe des Internets ein Bild zu machen. 

6. Geschichtsbewusstsein und Emanzipation

  1. In welchen zusammengesetzten Wörtern kommt "-bewusstsein" vor (Beispiel: Modebewusstsein)? Was verbindet die von Ihnen gefundenen Beispiele miteinander? Welche Rückschlüsse auf "Geschichtsbewusstsein" liegen nahe?
  2. Ist ein zehnjähriges Kind Ihrer Meinung nach "geschichtsbewusst"? Inwiefern ja? Inwiefern nein? Welche Rolle spielen Alter und Lebenserfahrung im jeweiligen Geschichtsbewusstsein?
  3. Geschichtsbewusstsein verbindet nicht nur Vergangenheit und Gegenwart, sondern darüber hinaus auch Gegenwart und Zukunft. Was erwarten oder erhoffen Sie von der Zukunft? Ist Fortschritt möglich? Wenn ja, inwiefern?
  4. Sollte man Geschichtsbewusstsein den Historikern und Geschichtspolitik den Parteien überlassen?
  5. Welche Ereignisse bzw. Personen haben Ihrer Meinung nach eindeutig zur "Emanzipation" der Menschen beigetragen? Um welche Art von Befreiung handelt es sich?

7. Das Medium ist die Botschaft

  1. Wie ist der Slogan "the medium is the message" zu verstehen? Können Sie den Slogan anhand von verschiedenen medialen Präsentationen zu ein und demselben Thema erläutern?
  2. Haben Sie ein "Medium" vor Augen (Bild, Buch, Text, Gegenstand, Denkmal usw.), das Sie in besonderer Weise zur Auseinandersetzung mit Geschichte anregt? Was ist an diesem Medium so interessant?
  3. Ist das Fernsehen ein notwendiges und sinnvolles Medium zur Vermittlung geschichtlicher Inhalte? Wenn ja: Unter welchen Bedingungen?
  4. Wo und wie begegnet Geschichte den Kindern und Jugendlichen sozusagen auf der Straße? Welchen Einfluss haben die täglichen Eindrücke auf die Bildung des Geschichtsbewusstseins?
  5. Gibt es Personen, die Sie wie Zeugen einer vergangenen Zeit erlebt haben?

8. Arbeitsformen und Kommunikationserfahrungen

  1. Stellen Sie sich vor, dass Geschichte ausschließlich autoritär, frontal und mit ständigem Zensurendruck vermittelt wird. Welchen Einfluss hat diese kommunikative Erfahrung wahrscheinlich auf das geschichtliche und geschichtsdidaktische Denken?
  2. Was halten Sie von der Gesprächskultur in unserem Land? Ist sie gut entwickelt oder eher unterentwickelt? Wie sind Talkshows unter dem Aspekt der Gesprächskultur zu beurteilen?
  3. Wer oder Was hat Sie bei Begegnungen mit Geschichte am stärksten beeindruckt? Hat Ihr Geschichtsunterricht "Wirkung" hinterlassen?
  4. Haben Sie den Eindruck, dass die Arbeitsformen, die Sie in Ihrem Studium erlernen, auch in Ihrem späteren Beruf als LehrerIn angewandt werden können ?

9. Geschichte erzählen - Geschichte verstehen

  1. Erzählte Ihnen, als Sie Kind waren, jemand "von früher"? Wie empfanden Sie diese Erzählungen?
  2. Was kann leicht, was schwer oder gar nicht erzählt werden?
  3. Welche Rolle spielt die Fähigkeit, erzählen zu können ("narrative Kompetenz") in der Ausbildung von Geschichtswissenschaftlern und Geschichtslehrern? Welche Rolle sollte sie spielen?
  4. Trauen Sie sich, im Plenum eine Erzählung mit geschichtlichem Inhalt vorzutragen? Welche Bedeutung hat bein Vortrag das persönliche Auftreten (Mimik, Gestik, Verständlichkeit usw.)?
  5. "Die große Erzählung" (Geschichte eines Herrschergeschlechts, eines Volkes, einer Stadt usw.) wird heutzutage von vielen Geschichtswissenschaftlern als überholte, ideologieträchtige Darstellungsform abgelehnt. Leuchtet Ihnen diese Ablehnung ein?

10. Geschichte erklären - Geschichte verstehen

  1. Welche Gründe würden Sie für den Untergang der DDR anführen? Meinen Sie, dass der Vorgang vollständig aufgeklärt und erklärt werden kann?
  2. Kann man erklären, warum es immer wieder zu Kriegen kommt? Welcher Hauptfaktor ist Ihrer Meinung nach dafür verantwortlich?
  3. Könnten Sie einem Schüler erklären, wozu Geschichte überhaupt gut ist? (vergl. Marc Bloch, Apologie pour l'histoire: "Papa explique-moi donc à quoi sert l'histoire")

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