»Sehnsucht nach dem ganz Anderen«

Braucht man Religion, um Werte zu vermitteln?
Jugendpfarrer Jeremias Treu streitet mit dem Atheisten Peter Schulz-Hageleit.

 (in: Publik-Forum - Zeitung kritischer Christen, Nummer 10, 27. Mai 2005 - www.publik-forum.de.
Moderation und Nachwort: Hartmut Meesmann und Bettina Röder)

PUBLIK-FORUM: Herr Treu, beim Stichwort »Werte und die kommende Generation«, was macht Ihnen da Angst?

JEREMIAS TREU: Die Tendenz, dass viele junge Menschen inzwischen überhaupt nicht mehr für Werte ansprechbar sind, weil sie große Vorbehalte gegenüber allen Institutionen haben.

PETER SCHULZ-HAGELEIT: Und zwar auch gegenüber der Kirche. Selbst dort schreitet ja die Säkularisierung voran. Ich nenne als Beispiel das evangelische Monatsmagazin Chrismon, das verschiedenen Tageszeitungen beiliegt. Wenn ich mir diese Zeitschrift anschaue, dann ist dort von Religion direkt kaum noch die Rede. Es finden sich psychologische Beiträge, es werden vor allem lebenskundliche Probleme behandelt. Daraus muss man doch schließen, dass der Offenbarungsglaube anscheinend keine Zukunft mehr hat.

PUBLIK-FORUM: Herr Treu, brauchen wir denn überhaupt noch Kirche und Religion? Welche Zukunft haben sie?

TREU: Ich bin verunsichert. was die zukünftige Rolle der Kirche in der Gesellschaft betrifft, ja. Doch was den christlichen Glauben selbst angeht. habe ich keine Angst. Ich nehme bei den Menschen, besonders bei jungen, eine zunehmende Sehnsucht nach dem »ganz Anderen« wahr. Das hängt wohl auch damit zusammen, dass die Ersatzreligionen dieser Gesellschaft - der ökonomische Erfolg zum Beispiel - fraglich geworden sind. Viele Menschen merken, dass sie sich nicht allein durch das definieren, was sie materiell in den Händen halten.

PUBLIK-FORUM: Das gilt ja besonders für Ausnahmesituationen in unserem Leben. Sie haben eine solche exemplarisch für viele andere und hautnah als Jugendseelsorger miterlebt: am 26. April 2002, als die Welt fassungslos nach Erfurt blickte. Am Gutenberg-Gymnasium hatte der Abiturient Robert Steinhäuser zuerst 18 Lehrer und dann sich selbst erschossen. Welche Erfahrung haben Sie da als Theologe und Seelsorger in einer weithin atheistisch geprägten Umgebung gemacht?

TREU: Es gibt Situationen im Leben, wo die Menschen etwas suchen, was sie anscheinend nur an Orten finden, wo gewissermaßen das Unverfügbare verwaltet wird. Damals, nach den tödlichen Schüssen im Erfurter Gutenberg-Gymnasium, standen viele Schülerinnen und Schüler unter Schock. Um sich gegenseitig zu trösten, sind sie nicht in die öffentlichen Turnhallen gegangen, sondern in die Kirchen, obwohl viele doch keinerlei religiöse Wurzeln haben.

PUBLIK-FORUM: Wie erklären Sie sich das?

TREU: Es scheint, als würden im kollektiven Unterbewusstsein die Kirchen immer noch als Orte gelten, wo man mit seiner Sprachlosigkeit, seiner Trauer, seiner Wut und seinem Entsetzen sein darf, wo diese Sprachlosigkeit ausgehalten wird und wo Menschen aber auch wieder eine Sprache finden. Die Sprache der Klage zum Beispiel. Wir haben die Kirchen geöffnet und unter anderem in der Kirche in der Nähe der Schule spontan eine Andacht gehalten, die sogar wiederholt werden musste, weil tausende Menschen, die gar nicht kirchlich waren, daran teilnehmen wollten. Wir haben das, was die Menschen bewegte, vor Gott gebracht. Viele Erfurter haben in den Kirchen Kerzen angezündet. Meine Frage ist: Was wäre geschehen, wenn wir Kirchenleute nicht da gewesen wären?

SCHULZ-HAGELEIT: Aber ist nicht all das, was Sie schildern, etwas Grundmenschliches, das auch ohne Kirche und Gott »organisiert« werden könnte? Natürlich geht keiner in solch einer Situation in eine Turnhalle. Da braucht es Kulturräume, Räume der Geborgenheit. Weil es die aber in unserer Gesellschaft nicht gibt, gehen die Leute eben in die Kirchen. Ich gehe darin mit Ihnen einig, dass es etwas »Unverfügbares« gibt, das für den Staat, für jedes Militär und auch für die Kirche unantastbar bleiben muss. Für mich bleibt dieses Unverfügbare aber ohne jeden Bezug zu einem Gott. Warum muss man die Trauer und die Klage vor Gott bringen? Warum können wir die nicht bei uns Menschen belassen? Reicht das nicht? Mir reicht das.

PUBLIK-FORUM: Könnte es sein, dass auch nicht­religiös aufgewachsene Jugendliche in die Erfurter Kirchen geströmt sind, weil sie etwas Bestimmtes gesucht haben?

SCHULZ-HAGELEIT: Da spielte sicher auch der Wunsch nach Erlösung mit, nach Hilfe »von oben«. Der Schock und die Trauer waren so groß, dass die eigenen Kräfte zu deren Bewältigung nicht ausreichten. Ich persönlich sage: Wir müssen solche extremen Situationen einfach aushalten, mehr bleibt da nicht. Ich setze keine Hoffnungen auf einen Gott.

TREU: Ich persönlich bin froh, dass ich in Gott ein Gegenüber habe, an das ich mich auch in einer solchen Grenzsituation wenden und in dem ich mich getragen fühlen kann. Dieses Grundgefühl der Annahme muss ich mir - im Unterschied zu Ihnen - nicht selber geben. Ich bekomme diese Akzeptanz von Gott zugesprochen. Das gibt mir innere Kraft und Lebensfreude.

SCHULZ-HAGELEIT: Das ist Ihnen unbenommen.

TREU: Und ich glaube, dass die Menschen eine tiefe innere Sehnsucht nach dieser Akzeptanz haben, die sie nicht aus sich selbst heraus stillen können. Diese tiefe Annahme kann man sich nicht selbst geben. Religion kann man nicht machen, sondern nur entdecken, vielleicht eben auch in solchen Extremsituationen wie damals in Erfurt.

PUBLIK-FORUM: Was haben Sie denn den Menschen damals gesagt, Herr Treu?

TREU: Das waren Momente, in denen ich nicht viel gesagt habe. Da war ich einfach da. Ich habe eine Kerze angezündet oder einfach nur die Hand gehalten. Ich war froh, biblische Texte zu finden, die für uns gesprochen haben. Die Erfahrungen, die in diesen Texten zur Sprache kommen, waren den Menschen eine Hilfe.

SCHULZ-HAGELEIT: Da, wo Sie Ich-Aussagen machen, Herr Treu, verstehe ich Sie gut. Mein Problem ist dass aus diesen Ich-Aussagen in den Kirchen immer noch ein missionarischer Auftrag abgeleitet wird. Andere Menschen sollen zu diesem Weg in die Transzendenz überredet werden. Das gefällt mir nicht. Die Mission ist ein grausamer Aspekt der Kirchengeschichte. Warum lassen die Kirchen die Menschen nicht ihren eigenen Weg finden? Es ist eine Entmündigung, wenn mir gesagt wird: »Du kannst ohne Religion nicht leben! Nimm meine Religion an!«

PUBLIK-FORUM: Was ja so nicht ganz stimmt. Der damalige Bischof Werner Krusche hat zu DDR -Zeiten gesagt, die Kirche könne nur dann missionarisch wirken, wenn sie glaubwürdig ist. Das war ein Angebot, kein Dogma.

SCHULZ-HAGELEIT: In dieser Hinsicht habe ich keine persönlichen Erfahrungen machen können. Ich räume gerne ein, dass es auch innerhalb der Kirche differenzierte Positionen zum Missionsauftrag gibt. Offiziell aber gibt es diesen Missionsauftrag, das kann niemand bestreiten, zumal er biblisch verankert ist. Die Kirche hat in der DDR sicherlich eine alternativ-emanzipatorische Funktion gehabt. In diesem Fall hat sogar die Maxime »Du sollst Gott mehr gehorchen als den Menschen« eine befreiende Wirkung gehabt. Aber - das muss ich als Historiker sagen: Entscheidend ist, ob sich die Kirche mit den Mächtigen verbindet oder nicht.

TREU: Die Maxime »Du sollst Gott mehr gehorchen als den Menschen« gilt im Übrigen auch im real existierenden Kapitalismus. Vielleicht ist die Stimme der Kirche nicht immer laut genug. Aber da, wo die Würde des Menschen angetastet wird und zum Beispiel die Ökonomie zum alles bestimmenden Faktor wird, muss es Aufgabe der Kirche sein, zu protestieren.

SCHULZ-HAGELEIT: Aber Herr Treu, da muss ich Sie doch daran erinnern, dass die Menschenrechte von der Kirche, speziell der katholischen, stets heftig bekämpft wurden. Die Menschenrechte sind eine humanistische, gegen die Kirche erkämpfte Errungenschaft! Da gibt es keine kirchlichen Verdienste.

PUBLIK-FORUM: Das ist doch verwunderlich, dies aus dem Munde eines Historikers zu hören! Die Kirche in der DDR hatte sehr wohl Menschenrechte beim SED- Regime eingeklagt wie das Recht auf Informationsfreiheit, Meinungsfreiheit oder Wehrdienstverweigerung.

SCHULZ-HAGELEIT: Sicher, die Kirchen haben dazugelernt. Aber mich stört, dass sie Errungenschaften für sich beanspruchen, die eigentlich gegen ihren Willen durchgesetzt wurden. Ich weiß natürlich, dass zum Beispiel die Friedensbewegung in den 1980er Jahren stark von Christen mitgeprägt war. Das Motto »Schwerter zu Pflugscharen« ist ein aus dem jüdisch-christlichen Erbe kommendes allgemeines Kultursymbol, das ich gerne übernehme.

PUBLIK-FORUM: Treffen Sie denn eigentlich in Ihrer Arbeit vor Ort auf Vertreter des Humanistischen Verbandes, Herr Treu?

TREU: So gut wie nie. Ich kenne keine Vertreter des Humanistischen Verbandes, obwohl ich mit vielen Menschen zu tun habe, die mit Kirche und Religion nicht viel anfangen können.

SCHULZ-HAGELEIT: Das finde ich aufschlussreich. Obwohl an den Schulen in Berlin inzwischen die humanistische Lebenskunde Unterrichtsfach ist mit rund 35 000 Schülerinnen und Schülern - als Alternative zum konfessionellen Religionsunterricht -, versucht die evangelische Kirche mit Bischof Wolfgang Huber an der Spitze, uns einfach zu ignorieren oder darauf zu drängen, dass das Fach wieder abgeschafft wird. Es will scheint's nicht in die Köpfe von Kirchenleuten, dass Jugendliche auch ohne Religion, Kirche und Gott gut ins Erwachsenenleben entlassen werden können. Deshalb wird die humanistische Lebenskunde ausgeklammert; der Psychoanalytiker würde sagen: verdrängt.

PUBLIK-FORUM: Wie ist das denn mit der Jugendweihe oder Jugendfeier? Diese Feiern sind heftig umstritten, weil sie zum Teil in alter DDR-Tradition stehen, wie Kritiker sagen. Zumindest werden sie von Freidenkern, Konfessionslosen und Humanisten durchgeführt.

TREU: Ich kann mit diesen Jugendweihefeiern nichts anfangen. Ich würde den jungen Leuten im Übergang zum Erwachsenenalter Feiern wünschen, die sie mit Religion in Verbindung bringen, weil ich überzeugt davon bin, dass Religion den Menschen gut tut. Ich möchte für meinen Glauben werben. Ich muss aber anerkennen, dass 80 Prozent der jungen Leute in den neuen Bundesländern mit Religion nichts anfangen können und sich für die Jugendweihefeiern entscheiden. Das ist das Erbe unserer DDR-Geschichte, leider. Allerdings wird ihnen bei den Jugendweihefeiern doch recht wenig Substanzielles geboten.

SCHULZ-HAGELEIT: Als mich der Humanistische Verband fragte, ob ich mich nicht an der Ausbildung der Lebenskunde-Lehrer beteiligen wolle, schrieb ich zurück, dass ich Probleme damit hätte, solange der Verband Jugendweihefeiern im Stil der alten DDR durchführe. Daraufhin antwortete man mir, dass man keine »Jugendweihe« vornehme, weil dies ein kirchliches Ritual sei. Es finden heute Jugendfeiern statt, und das ist etwas ganz anderes als die frühere Jugendweihe. Den Übergang ins Erwachsenenalter und die Übernahme von Verantwortung und Selbstständigkeit zu feiern finde ich in Ordnung.

PUBLIK-FORUM: Was bietet denn die Kirche für jene Menschen an, die nicht kirchlich-religiös aufgewachsen sind, aber dennoch offen sind für religiöse Themen?

TREU: In Erfurt bietet zum Beispiel die katholische Kirche eine »Feier zur Lebenswende« für Jugendliche an, die kirchlich nicht gebunden sind, aber die Jugendfeiern ablehnen. Meine Kirche ist da noch eher zögerlich. Und: Warum sind wir - angesichts der gerade thematisierten tiefen Sehnsucht gerade junger Menschen nach dem »ganz Anderen« ­ nicht zuversichtlich und vermitteln viel selbstbewusster die christliche Religion?

Der Streit um die Werte

Spätestens die Diskussion um die Einführung eines verbindlichen Werteunterrichts an den Berliner Schulen hat einer zentralen Frage neuen Zündstoff gegeben: Brauchen wir die Kirchen, brauchen wir die Religion, wenn es um die Vermittlung von Werten für unser Leben geht? Unser Streitgespräch zwischen dem evangelischen Jugendpfarrer Jeremias Treu und dem bekennenden Atheisten und Historiker Peter Schulz-Hageleit haben wir geführt, als die aktuelle Diskussion um den Unterricht in Berlin noch nicht absehbar war. Umso mehr macht es deutlich, wie gegensätzlich die dahinter stehenden Positionen sind: In diesem Fall des evangelischen Theologen und Seelsorgers, der in Erfurt mit Jugendlichen arbeitet, auf der einen Seite, und des Berliner Historikers, der an der Humboldt-Uni (sic! Prof. Schulz-Hageleit ist Professor für Geschichtsdidaktik an der Technischen Universität Berlin, Anmerk. Maik Hager) lehrt, auf der anderen. Jeremias Treu, Jahrgang 1963, zuvor Gefängnisseelsorger, kommt aus einem Pfarrhaus in der DDR, wo die Kirche seine »widerständige Heimat« wurde. Peter Schulz-Hageleit, der auch schon im Westteil der einst geteilten Stadt Berlin an der Uni lehrte, kehrte aus tiefer Überzeugung der Kirche den Rücken zu und trat aus. Umso mehr engagiert er sich im 1993 gegründeten Humanistischen Verband. Dieser hat bundesweit 10 000 Mitglieder, und er hat sich das Ziel auf die Fahnen geschrieben, die Interessen der konfessionslosen Menschen zu vertreten.