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Prof. Dr. Peter Schulz-Hageleit

Die Lebensliebe des Sisyphos - Albert Camus (1913 - 1960)
Vortrag im Rahmen der Urania-Reihe "Humanismus quo vadis - Große Humanisten: Tradition zur Erneuerung"
in Zusammenarbeit mit dem Humanistischen Verband Deutschlands; Berlin, 03.06.2008

Einige Lebensdaten

Albert Camus wurde am 7. November 1913 in Algerien geboren, das damals noch als Kolonie zu Frankreich gehörte. Er wuchs unter seelisch und materiell kärglichen Lebensumständen auf, faktisch ohne Vater, denn dieser war 1914 – das Kind Albert war noch kein Jahr alt - nach einer Verwundung in der Marneschlacht verstorben.

Die Mutter, eine Analphabetin, liebte er umso heftiger, aber sie war verschlossen und überließ ihn schweigend seinen Schwierigkeiten als Kind und Jugendlicher; das Regiment im Haushalt und die Erziehung hatte die strenge Großmutter in der Hand. Einem aufmerksam zugewandten Grundschullehrer war es zu danken, dass Camus das Gymnasium besuchen konnte.

Als siebzehnjähriger Gymnasiast erfährt Camus, dass er an Tuberkulose leidet. Neben der Vaterlosigkeit, die ihn unterschwellig lebenslang beschäftigen wird [1] , nimmt die schwere Krankheit und die damit verbundene Todesdrohung Einfluss auf Leben und Werk. Die Pest (1947), sein großer Roman, für den er 1957 den Nobelpreis erhielt, ist eine symbolisierende Darstellung des Faschismus, aber es ist nicht abwegig darüber hinaus anzunehmen, dass die heimtückische und schwer heilbare Krankheit, die permanente Bedrohung von innen her, die Erfahrung der körperlichen Anfälligkeit, Einfluss auf die künstlerische Gestaltung des Werkes ausgeübt hat.

Camus war Atheist und vorübergehend (1934-1937) Mitglied der Kommunistischen Partei Algeriens. Er lehnte alle Bezüge auf Gott nicht nur rigoros ab, sondern erhob die Sinnlosigkeit und Absurdität des Lebens zu einem eigenen Absolutum, das entweder zu ertragen oder durch Selbsttötung zu beenden war. Hier liegt eine erste Herausforderung an den gegenwärtigen und zukünftigen Humanismus, die ich im Folgenden aufgreifen und erörtern möchte. Mein Vortrag erhebt also nicht den Anspruch, Camus mit der ganzen Fülle und Vielfalt seines Lebenswerkes zu würdigen. Vielmehr sollen in durchaus subjektiver Zuspitzung einige seiner Ideen herausgehoben und auf ihre heutige Bedeutung befragt werden.

Camus, der bis dahin alle Fieberattacken der Lungenschwäche überwunden hatte, stirbt am 4. Januar 1960 in einem Autounfall. Sein Tod ist wie eine schicksalhaft höhnische Bestätigung der theoretisch entwickelten Absurditätenlehre. Jährlich verlieren in Deutschland bei Verkehrsunfällen mehr als 5000 Menschen ihr Leben, ohne dass man viel dagegen machen kann oder machen will. Pro Tag 15 Verkehrstote. Das Absurde ist eine permanente Erfahrung mit vielen Facetten, die wir selten ins Bewusstsein lassen.

Das Absurde als permanente politische und persönliche Erfahrung

Für die Idee des Absurden hat Camus den Sisyphos-Mythos in Anspruch genommen, freilich in überraschender und provozierender Weise, denn Sisyphos, der im griechischen Mythos dazu verurteilt war, einen Felsbrocken bergaufwärts zu wälzen, immer und immer wieder; denn kaum ist Sisyphos oben angekommen und die Arbeit geschafft, rollt der Felsbrocken wieder bergabwärts, dieser Sisyphos ist bei Camus kein hoffnungslos verzweifelter, sondern ein glücklicher Mensch.
Lesen wir einige Zeilen aus Camus’ Text:

„Sisyphos ist der Held des Absurden. Dank seiner Leidenschaften und dank seiner Qual. Seine Verachtung der Götter, sein Hass gegen den Tod und seine Liebe zum Leben haben ihm die unsagbare Marter aufgewogen, bei der sein ganzes Sein sich abmüht und nichts zustande bringt. (…) Dieser Mythos ist tragisch, weil sein Held bewusst ist. Worin bestünde seine Strafe, wenn ihm bei jedem Schritt die Hoffnung auf Erfolg neue Kräfte gäbe? Heutzutage arbeitet der Werktätige sein Leben lang unter gleichen Bedingungen, und sein Schicksal ist genauso absurd. Tragisch ist es aber nur in den wenigen Augenblicken, in denen der Arbeiter bewusst wird. Sisyphos, der ohnmächtige und rebellische Prolet der Götter, kennt das ganze Ausmaß seiner unseligen Lage: über sie denkt er während des Abstiegs nach. (…)
Darin besteht die ganze verschwiegene Freude des Sisyphos. Sein Schicksal gehört ihm. Sein Fels ist seine Sache. Ebenso lässt der absurde Mensch, wenn er seine Qual bedenkt, alle Götzenbilder schweigen. (…) Überzeugt von dem rein menschlichen Ursprung alles Menschlichen, ist er also immer unterwegs. (…) Der Kampf gegen den Gipfel vermag ein Menschenherz auszufüllen. Wir müssen uns Sisyphos als einen glücklichen Menschen vorstellen.“ [2]

Der letzte aphoristisch zugespitzte Satz, der oft zitiert wird, darf nicht als bare Münze genommen werden, etwa als psychologische Beschreibung heutiger Mentalität. Er krönt vielmehr eine Lebensphilosophie des Trotz alledem [3], enthebt den antiken Mythos seiner üblichen Einordnung und ist im Zusammenhang mit anderen Schriften Camus’ zu sehen, die nicht die Verzweiflung oder den Fatalismus, sondern die permanente Revolte gegen Lüge und Ungerechtigkeit verkündeten. Prometheus, ein anderer antiker Held, der gegen die Allmacht der Götter revoltierte und ihnen das Feuer entwendete, trat im Denken Camus’ alsbald die Nachfolge des Sisyphos an.

Wann kommt die nächste Pest? Wie werden wir ihr begegnen?

Hauptperson und fingierter Chronist des Romans Die Pest ist Bernard Rieux, der Arzt, der sich bis zur Selbstaufgabe um die Pestkranken kümmert, meistens ohne Aussicht auf Heilerfolg, am Ende aber doch triumphierend, weil er selbst am Leben bleibt und die Pest eines Tages aus der Stadt verschwindet, ebenso geheimnisvoll wie sie gekommen war. In den letzten Zeilen des Romans lesen wir:

„Rieux wollte nicht zu denen gehören, die schweigen, er wollte vielmehr für diese Pestkranken Zeugnis ablegen und wenigstens ein Zeichen zur Erinnerung an die ihnen zugefügte Ungerechtigkeit und Gewalt hinterlassen; er wollte schlicht schildern, was man in den Heimsuchungen lernen kann, nämlich dass es an den Menschen mehr zu bewundern als zu verachten gibt.
Und doch wusste er, dass dies nicht die Chronik des endgültigen Sieges sein konnte. Sie konnte nur das Zeugnis dessen sein, was man hatte vollbringen müssen und was ohne Zweifel noch alle jene Menschen vollbringen müssen, die trotz ihrer inneren Zerrissenheit gegen die Herrschaft des Schreckens und seine unermüdliche Waffe ankämpfen, die Heimsuchungen nicht anerkennen wollen, keine Heiligen sein können und sich dennoch bemühen, Ärzte zu sein.
Während Rieux den Freudenschreien lauschte, die aus der Stadt empor drangen, erinnerte er sich nämlich daran, dass diese Fröhlichkeit ständig bedroht war. Denn er wusste, was dieser frohen Menge unbekannt war und was in den Büchern zu lesen steht: dass der Pestbazillus niemals ausstirbt oder verschwindet, sondern jahrzehntelang in den Möbeln und in der Wäsche schlummern kann, dass er in den Zimmern, den Kellern, den Koffern, den Taschentüchern und den Bündeln alter Papiere geduldig wartet und dass vielleicht der Tag kommen wird, an dem die Pest zum Unglück und zur Belehrung der Menschen ihre Ratten erneut wecken und aussenden wird, damit sie in einer glücklichen Stadt sterben.“

Was Camus hier nicht thematisierte, sondern der Fantasie seiner Leser überließ, ist die Fähigkeit des Pestbazillus, seine Tötungspotenz an andere Instanzen zu delegieren. Die Pest im medizinischen Sinn ist fast oder gänzlich besiegt, aber die Pest im übertragenen Sinn, als ein durch Egomanie und Dummheit gezeugtes Scheusal, weiter um. Die modernen Ausgaben des Camus-Romans zeigen von ihren Lebensquellen abgeschnittene ausgedörrte Felder, und es bedarf keiner weitreichenden Fantasie, um sich auszumalen, was das Fehlen von sauberem Trinkwasser für die Menschen bedeutet, die in einer derartigen Region leben. Es sterben heutzutage ebenso viele Menschen aus Mangel an Nahrung und Trinkwasser wie früher an der Pest.

Revolution und Revolte

Im Unterschied zu den Marxisten seiner Zeit fokussierte Camus sein Denken und Schaffen nicht auf die alles verändernde Revolution der Gesellschaft, sondern auf die mentale Revolte des einzelnen Menschen, der damit aber nicht allein bleibt, sondern teil hat an einem schöpferischen „wir“, das im Entstehen ist. Über dieses Aufbegehren gegen die sich selbst erhaltende Macht der Ungerechtigkeiten, der Lügen und der Unterdrückungen schreibt Camus:

„Die absolute Revolution setzte tatsächlich die absolute Formbarkeit der menschlichen Natur voraus, die mögliche Rückbildung auf den Stand einer Geschichtskraft. Aber die Revolte ist die Weigerung des Menschen, als Ding behandelt und auf die bloße Geschichte zurückgeführt zu werden. Sie ist die Bekräftigung einer allen Menschen gemeinsamen Natur, die sich der Welt der Macht entzieht. (…) Die triumphierende Revolution [Camus dachte hier vor allem an den kommunistischen Totalitarismus] muss mit ihrer Polizei, ihren Prozessen und ihren Exkommunikationen beweisen, dass es keine menschliche Natur gibt. Die gedemütigte Revolte muss durch ihre Widersprüche, ihre Leiden, ihre wiederholten Niederlagen und ihren unablässigen Stolz dieser Natur ihren Gehalt von Schmerz und Hoffnung geben.“ [4]

Der Stolz in der Niederlage – das erinnert an Sisyphos. Die im Sisyphos-Text noch geleugnete Hoffnung: Der Mensch in der Revolte (und nicht nur er) artikuliert sie, verkörpert sie, trägt sie aus, zusammen mit dem Schmerz, den die schier unaufhebbare Verdinglichung des Menschen bereitet. Camus’ gedankliche Revolte ähnelt strukturell-inhaltlich in manchen Zügen der Ästhetik des Widerstandes von Peter Weiss. Es wäre reizvoll, dazu einen Vergleich zu erarbeiten. Das ist hier und jetzt nicht möglich.

Das Aufbegehren quer durch die gesamte Geschichte kann und sollte eine inhaltliche Dimension der historisch-politischen Didaktik sein. Camus hat einem Sklaven, der rebelliert, den Satz in den Mund gelegt: „Ich empöre mich, also sind wir.“ Diesen Satz hat Siegfried George, ein Didaktiker der politischen Bildung, als Überschrift für einen Aufsatz ausgewählt, der den „Dissens als Lebenselement“ thematisiert. Der Impuls sollte aufgegriffen werden. Dissens ist zwar etwas anderes als Revolte, und so einfach, wie George das anspricht, mutiert das Ich leider nicht zum Wir. Der Auftrag an die politisch-ethische Erziehung ist damit gleichwohl bezeichnet, und es obläge den jüngeren Kollegen, den Grundgedanken weiter zu entwickeln und in Praxis umzusetzen.

Jean-Paul Sartre und Albert Camus – ein geschichtlich-politischer und lebensgeschichtlich-persönlicher Konflikt

Der Mensch in der Revolte, diese Essay-Sammlung, die Camus 1952 veröffentlichte, war der Ausgangspunkt des Bruchs mit Sartre. Die beiden inzwischen weltbekannten Autoren hatten sich im Zweiten Weltkrieg kennen gelernt, politisch verbunden durch die Résistance, aber auch durch gemeinsame Theater-Projekte. Die anfangs recht enge Bindung lockerte sich im Laufe der Jahre, weil die beiden prominenten Franzosen geschichtlich-politisch, aber auch lebensgeschichtlich-persönlich verschiedene Wege einschlugen.

Sartre war Marxist, und er verstärkte seine marxistische Orientierung im Laufe der Jahre, während Camus sich umgekehrt vom Marxismus entfernte und dessen doktrinäre Rechthabereien heftig kritisierte. Der Marxismus sowjetischrer Prägung war für Camus ein Angriff auf die Freiheit und daher prinzipiell abzulehnen.

„Die Versuchung des Kommunismus ist für einen Intellektuellen von der gleichen Art wie die Versuchung der Religion“ [5], notierte Camus in seinem Tagebuch. Dass er dabei auch an Sartre gedacht hat, kann man nur mutmaßen. Sartre hielt dagegen und warf Camus einen selbstgerechten Moralismus vor, brach aber die Auseinandersetzung schließlich ab („Ich werde nicht mit Ihnen kämpfen“) [6], weil er mit seinem kühl beobachtenden Verstand die Unmöglichkeit einer Einigung schneller als Camus einsah, der, wie man sagt, aus dem Bauch agierte.

Camus liebte seine algerische Heimat und konnte es nicht über sich bringen, den bewaffneten antikolonialistischen Kampf zu befürworten. Er hatte Angst um seine Mutter, die in Algier lebte. Sartre sah dagegen in der antikolonialistischen Gewalt den einzig möglichen Weg einer Befreiung Algeriens. Sartre war, um mit dem wichtigsten Biographen Camus’ in historischen Analogien zu argumentieren: Jakobiner und Bolschewist, Camus dagegen Girondist und Menschewist. [7]

Zum Konflikt-Auslöser wurde der Mensch in der Revolte auch wegen seiner Gegenüberstellung von Geschichte und Mensch, die Francis Jeanson, der Rezensent von Sartres Zeitschrift Les Temps modernes, scharf kritisierte. Wie im vorigen Abschnitt schon angedeutet wurde, glorifizierte Camus das mentale Aufbegehren des einzelnen Menschen, dem er die Geschichte als negatives Ganzes gegenüber stellte. Er stilisierte und idealisierte damit auch sich selbst, pointiert formuliert, zum Menschheitsretter und lieferte damit dem rationalistisch argumentierenden Zeitschriften-Redakteur reichlichen Anlass zu einer geharnischten Entgegnung, die Camus tief verletzte. Camus kritisierte die Kritik, griff dabei Sartre an, der seinerseits reagierte, so gab ein Wort das andere, bis die Schriftsteller-Freundschaft endgültig auseinander gebrochen war.

So weit wäre es nicht gekommen, wenn Sartre und Camus nicht auch im Lebensgeschichtlich-Persönlichen zwei grundverschiedene Menschen gewesen wären. Vordergründig sieht es so aus, als wenn Sartre, der in offener, sehr offener Beziehung mit Simone de Beauvoir verbunden war, ein Frauenluftikus und Camus Ehemann und Vater von zwei Kindern gewesen sei. Doch hier liegt nicht die Differenz; Machos waren sie beide. Die Differenz lag eher in der gefühlsmäßigen Einstellung zum Leben, zur Liebe und zu sich selbst, die bei Camus von Sehnsucht, innerer Unruhe, Leidenschaft und Naturfaszination geprägt war [8], während Sartre als französischer Rationalist par excellence weder mit Leidenschaft und Schwärmerei noch mir psychologischer Selbsterforschung etwas anfangen konnte.

Mit anderen Worten: Camus war ein Dichter der symbolisierenden Existenzdeutung, auch wenn er es für sich selbst ablehnte, als „Existenzialist“ klassifiziert zu werden. [9] Sartre war dagegen eher der realpolitisch eingreifende Aufklärer, der sich auch nicht zu fein war, auf der Straße Flugblätter zu verteilen. Diese differenten Einstellungen zur Kunst und zum Leben konnten sich auf Dauer nicht vertragen.

Psychoanalytisch wäre auch ein Vergleich der je eigenen Beziehungen zu den Eltern und Elternimagines interessant. Vaterlos waren sie ja beispielsweise beide, doch wie verschieden entwickelte sich die schicksalhaft vorgegebene Konstellation der Vaterlosigkeit bei Camus und bei Sartre. Während Camus dem toten Vater erst unbewusst dann schriftstellerisch bewusst nachspürt und zur verdrängten Sehnsucht nach dem Vater durchbricht [10], feiert Sartre retrospektiv den Tod seines Vaters als Geburts- und Freiheitschance. „Jean-Baptistes [der Vater] Tod wurde das große Ereignis meines Lebens: er legte meine Mutter von neuem in Ketten und gab mir die Freiheit.“ [11]

Fundamental verschieden sind auch die Beziehungen der beiden Schriftsteller als Söhne zu ihren Müttern. Doch wir können dieses Thema hier nicht fortsetzen, weil die weit wichtigere Frage zu beantworten ist, ob denn zwei so verschiedene, ja in vielen Punkten sogar gegensätzliche Persönlichkeiten wie Camus und Sartre richtungsweisende Weggefährten auf der langen Straße des Humanismus sein können, die beim ersten Vortrag metaphorisch vor Augen geführt wurde und nun weiter zu bauen ist. Vervollständigen wir unser Bild von Camus, bevor das Straßenbau-Vorhaben noch einmal besichtigt wird.

Freiheit und Gerechtigkeit

Unter den Tugenden, die heutzutage ausweichend eher Werte genannt werden, haben Freiheit und Gerechtigkeit im Denken Camus’ einen hervorragend wichtigen Platz inne. Im Unterschied zu vielen intellektuell oder politisch aufgesetzten Forderungen, die eine nur lose mit dem eigenen Leben haben, sind Freiheit und Gerechtigkeit für Camus tiefinnerliche Bedürfnisse, erfahrungsbedingte Lebensdimensionen, die ihn antreiben und beunruhigen, inspirieren und zur Verzweiflung bringen. Unter dem Zeichen der Freiheit ist ein Zeitungsartikel überschrieben, den Camus 1955 veröffentlicht hatte und der einer gut komponierten Anthologie von Camus-Texten als Buch-Titel dient (vgl. Lesebuch in der Bibliographie).

In diesem Text bekennt sich Camus zu einem Glauben, zum Glauben an die Freiheit oder stilistischer genauer: zum Glauben in Freiheit; denn der Glaube ist die Freiheit, die Freiheit wird gelebt und nicht gepredigt.

„Dies ist das Zeichen, und zwar das einzige, in dem ein Schriftsteller auf eigene Rechnung handeln kann. Unter der Bedingung, dass er, ohne je einer Demütigung der Freiheit, wo auch immer, zuzustimmen, sich Tag für Tag bemüht, ihr einen Gehalt an Gerechtigkeit zu geben, ohne den sie nur ein grausamer und erniedrigender Traum bliebe. Die Freiheit ist ein Schrei, dem eine lange Mühe folgt [wir erinnern uns an Sisyphos], sie ist kein behaglicher Ort und auch kein Alibi. Aber in dieser Definition muss man sich ohne Abstriche bekennen.“ [12]

Der kleine Text gibt uns wertvolle Hinweise auf das, was Glauben und Bekenntnis in einem irdisch-menschlichen Sinn bedeuten kann. Wir glauben nicht an etwas Außerirdisches, an Gott oder das selige Jenseits, sondern an das, was uns möglich ist und was allgemein nötig wäre. Die Freiheit ist in uns, wir sind in der Freiheit. Das heißt keineswegs, dass nur wir Freiheit zu verkörpern bemüht sind. Das heißt aber, dass wir an der Freiheit sowohl im materiellen wie auch im ideellen Sinn festhalten, auch und gerade dann, wenn der Zeitgeist sich gerne, allzu gerne, darüber hinwegsetzen möchte. Freiheit ist mein Lebensgefühl für die Möglichkeiten fortschreitender Befreiung, aber auch „die Freiheit der anderen“, um an ein bekanntes Zitat von Rosa Luxemburg zu erinnern, das leider nur in dieser Kurzfassung in Erinnerung ist. [13]

Untrennbar in das Freiheitsverlangen verwoben ist bei Camus das Verlangen nach Gerechtigkeit, nach mehr Gerechtigkeit, ohne die, wie wir gelesen haben, Freiheit „nur ein grausamer, erniedrigender Traum bliebe.“ Diese Verkoppelung der Freiheit mit der Gerechtigkeit ist keineswegs selbstverständlich, weder ideengeschichtlich noch aktuell politisch; denn der Haupttrend geht ja in unserer Gesellschaft dahin zu sagen: Wer Freiheit will, kann nicht gleichzeitig Gerechtigkeit fordern. Die Durchsetzung von mehr Gerechtigkeit geht unausweichlich auf Kosten der Freiheit.

Eine solche Argumentation hat weder Albert Camus noch Rosa Luxemburg akzeptiert, die ich hier in einem Atemzug nenne, obwohl sie beide so grundverschieden waren. Für beide galt: Freiheit ohne Gerechtigkeit ist exklusiv und elitär. Gerechtigkeit ohne Freiheit droht totalitär zu werden.

Es ist hier nicht der Ort, parteipolitisch zu entscheiden, welche Problemlösungsstrategien in bestimmten Problemkonstellationen die richtigen wären, nennen wir auf der einen Seite beispielsweise die exorbitanten Manager-Gehälter und auf der anderen Seite die Kinderarmut. Vielmehr geht es um die humanistische Beharrlichkeit des Bekenntnisses zu Werten und Menschenrechten, die vor politisch opportunistischer Verätzung zu schützen sind und daher die Unterstützung unabhängiger Geister brauchen.

Lebensliebe und menschlicher Fortschritt

Camus liebte das Leben. Er liebte die Natur, aber auch sein eigenes individuelles Leben, das durch die jeweilige Krankheit drastisch eingeschränkt und existenziell gefährdet war. Diese Lebensliebe ist für den menschlichen Fortschritt etwas eminent Wichtiges, sozusagen sein Nährboden, aus dem alles andere, die Entscheidungen im Einzelnen, erwächst. „Das Leben mehr lieben als den Sinn des Lebens“, hat Camus kurz vor seinem Tod durch einen Autounfall gesagt [14] - ein denkwürdiger Ausspruch, der hinter die ziemlich gewaltsamen Sinnveranstaltungen und Sinnbestimmungen unserer Zeit ein Fragezeichen setzt.

In unserer Spaß- und Klamauk-Gesellschaft wird die „Biophilie“ (Erich Fromm) nicht unterdrückt, aber eben auch nicht als ein grundlegender Wert gewürdigt und gepflegt. Man kann damit keine publikums- und werbewirksame Veranstaltung machen oder anders herum: Wird die Lebensliebe als Werbemittel entdeckt und genutzt, ist sie schon verkauft und verdorben.

Camus war ein geistig unabhängiger Mensch, der sich nicht in die Spaltungsschablonen des Kalten Krieges pressen ließ und dementsprechend mit Anfeindungen zu kämpfen hatte. Geistige Unabhängigkeit ist für den menschlichen Fortschritt ebenfalls etwas essenziell Wichtiges, weil die Kräfte der Lebensgier und der eigenen Besitzstände, die nichts aus der Hand geben, sondern immer noch mehr haben wollen, ganz schnell aggressive Gegenphalanxen bilden, wenn ihnen im Namen der Gerechtigkeit oder eines anderen Lebenswertes etwas abgefordert wird.

Eine weitere Dimension im Denken Camus’ ist der das geistige Schaffen massiv beeinflussende Lebensimpuls des Gewissens, sein Ethos [15], das durch Erfahrungen mit dem Nationalsozialismus existenziell eingeprägt wurde und lebenslang weiter wirkte. Camus war in der Résistance aktiv und konnte daher in dieser Zeit seines Lebens nicht sicher sein.

Die drei Modalitäten - Hochschätzung des Lebens, geistige Unabhängigkeit, Gewissen als Leitinstanz des Denkens und Handelns - ergänzen sich wechselseitig und sollten daher nicht voneinander getrennt werden. Ob unser Bedürfnis nach „Sinn“ durch Gott befriedigt wird (Gebet, Gemeinsamkeit der Glaubenspflege, gottähnliche Philosophie-Begriffe usw.) oder Gott einer humanistischen, aufs Irdische begrenzten Sinngebung Platz machen muss, das ist biographisch und geschichtsanalytisch interessant, für den menschlichen Fortschritt aber unerheblich, sofern dieser Fortschritt nicht durch kirchliche oder andere Machtansprüche behindert wird. [16] Auf das praktische Koalieren und Kooperieren für Menschenwürde und ihre verschiedenen Komponenten – darauf kommt es an.

Die Gegenwart ist weit entfernt von einem Pluralismus, der weltanschauliche Vielfalt nicht nur notgedrungen toleriert, sondern respektiert und kultiviert. Ohne diesen Pluralismus droht der Reichtum des Menschlichen verloren zu gehen. Vor kurzem hat der indische Nobelpreisträger Amarty Sen (geb. 1933) in einem ZEIT-Artikel nachdrücklich für einen freiheitsorientierten Multikulturalismus geworben. Das war ganz im Sinne Camus, der die Freiheit über alles liebte und verehrte und mit Amarty Sen vor „Identitätsfallen“ warnen würde, wenn er noch am Leben wäre.

Mit Camus auf der Straße des Humanismus? [17]

Im ersten Vortrag über den Humanismus als Kristallisationsbegriff für Neuorientierungen nach 1945 habe ich zur Veranschaulichung meiner Überlegungen auf den Pfad der Visionäre verwiesen, der als Open-Air-Kunstwerk am Halleschen Tor errichtet wurde und für ein Europa in Frieden und Freiheit wirbt. Albert Camus ist zweifellos ein Weggefährte auf diesem Pfad; man könnte etliche Steinplatten mit Zitaten aus seinem Werk in das Pflaster einlassen, z.B.:

  • „Meine Leidenschaften als Mann waren nie ‚gegen’ etwas. Sie galten immer Menschen, die besser oder größer waren als ich.“ [18]

  • „Wird der Mensch [von Gott abgezogen und] auf die Geschichte eingeschränkt, hat er keine andere Wahl, als im Lärm und Rasen einer wahnwitzigen Geschichte unterzugehen oder dieser Geschichte die Form der menschlichen Vernunft zu geben.“

  • „Nichts ist weniger erobernd als die Vernunft. (…) Die Vernunft wird nicht gepredigt, wenn sie predigt, ist sie nicht mehr Vernunft. [19]

  • „Um die Welt ändern zu können, muss der Gedanke zunächst das Leben der Menschen ändern, der ihn denkt. Es muss sich in ein Beispiel verwandeln.“ [20]

Camus hat sich nicht selbst als Humanisten bezeichnet [21], so wie er es auch ablehnte, mit Existenzialisten zusammen geworfen zu werden. Er war Künstler und verabscheute bestimmte Etikettierungen. Ich sehe ihn aber als Weggefährten auf der virtuellen Straße des Humanismus, rechts neben mir, während ich links mit Sartre ins Gespräch kommen möchte.


Anmerkungen

[1] In seinem Roman Der erste Mensch, posthum veröffentlicht, beschreibt Camus die Suche nach dem toten Vater und den Durchbruch zu einem Gefühl der Anteilnahme an dessen sinnlosen Tod. Ich bin darauf in einem Essay zum Thema Lebensstrom und Rationalität (1999) genauer eingegangen.

[2] Zitate aus: Camus, Sisyphos, S. 80-84.- Über Sisyphos als Thema humanistischen Denkens vgl. auch Schulz-Hageleit 2002, 3. Kapitel. Das 4. Kapitel ebd. behandelt Hoffnung und Scharfsinn der Kassandra und bildet damit ein Gegengewicht zur einseitigen Männerorientierung des Sisyphos-Mythos.

[3] „Trotz alledem“ ist der Titel und das refrainartige Leitmotiv eines Gedichts von Ferdinand Freiligrath (1810-1876), der sich damit gegen das Rollback der März-Revolution wandte. Da Camus in Abgrenzung von Sartre nicht als Existenzphilosoph klassifiziert werden wollte, habe ich sein Denken in Ermangelung eines besseren Begriffs als „Lebensphilosophie des Trotz alledem“ bezeichnet.

[4] Camus, Der Mensch in der Revolte, S. 281 f.

[5] Camus, Tagebuch 1951-1959, S. 200.

[6] Eine kurze Darstellung des Konfliktes zwischen Sartre und Camus bietet Hackenesch 2007, die wertend gegen Sartre Stellung bezieht.

[7] Diese Analogie findet sich in der Analyse von Todd 1999, S. 616.- Eine knappe aber treffende Darstellung des Camus-Sartre-Konflikts bietet Sändig 1983, Kapitel Hart und hart, S. 155-162.

[8] Camus’ Tagebücher sind voller Beschreibungen der Lichtverhältnisse des jeweiligen Tages. Er liebte das Leben um seiner selbst willen und bewunderte die Natur.

[9] Denken wir zum Beleg dieses Urteils nur einige seiner Leitbegriffe und Buchtitel: der Fremde, Sisyphos, das Exil, das Reich, der ersten Mensch (das heißt der Mensch ohne Wurzeln und Tradition, der sich selbst sozusagenerfinden muss).

[10] Vgl. dazu Camus’ posthum erschienener Roman Der erste Mensch.

[11] Sartre, Die Wörter, S. 17.

[12] Camus, Lesebuch, S. 225.

[13] Das berühmte Diktum findet sich in einer Randbemerkung auf dem unvollendeten Manuskript Zur russischen Revolution von 1918, vgl. Gesammelte Werke, Berlin 2000, Bd. 4, S. 359, zugänglich im Dezember 2007 auch über Infos der Rosa-Luxemburg-Stiftung (eingeben: Häufig gestellt Fragen zu Rosa Luxemburg und ihrem Werk). Die Textpassage lautet insgesamt: „Freiheit nur für die Anhänger der Regierung, nur für die Mitglieder einer Partei – mögen sie noch so zahlreich sein – ist keine Freiheit. Freiheit ist immer Freiheit der Andersdenkenden. Nicht wegen des Fanatismus der ’Gerechtigkeit’, sondern weil all das Belebende, Heilsame, Reinigende der politischen Freiheit an diesem Wesen hängt und seine Wirkung versagt, wenn die ‚Freiheit’ zum Privilegium wird.“ Vgl. auch Michael Brie 2000.

[14] Sändig 1983, S. 222.

[15] Zum Begriff: Nach allgemeinem Sprachgebrauch bezeichnet Ethos die sittlichen Lebensgrundsätze eines Menschen, seine spezifische moralische Lebenshaltung, während Ethik die philosophische Lehre vom sittlichen Wollen und Handeln des Menschen sowie allgemein gültige Normen und Maximen der Lebensführung umfasst.

[16] Ausführlicher über die Spannung zwischen technisch-wissenschaftlichen und menschlichen Fortschritt: Schulz-Hageleit 2008.

[17] Ergänzend möchte ich auf meinen Camus-Vortrag vor der Arbeitsgruppe Politische Psychologie im Sigmund-Freud-Institut verweisen (Internetseite des Autors). Dieser Vortrag arbeitet die lebensgeschichtlichen Komponenten und ihre Relevanz in der Dynamik des Unbewussten stärker heraus.

[18] Camus, Tagebuch März 1951-Dezember 1959, S. 10.

[19] Camus, Der Mensch in der Revolte, S. 250.

[20] Camus, Tagebücher 1935-1951, S. 329.

[21] Camus hatte den Stalinismus vor Augen, der ja den Humanismus für sich beanspruchte. Vgl. etwa Camus in Der Mensch in der Revolte, S. 315 f.

 

Bibliographie

Brie, Michael: Freiheit ist immer die Freiheit der Anderen. Gerechtigkeit oder Barbarei. Rosa Luxemburgs Entdeckung eines radikal sozialen Freiheitsbegriffs. In: Freitag, 22. 09. 2000.

Camus, Albert: Die Pest (frz. 1947). Rowohlt 1983.
Ders.: Unter dem Zeichen der Freiheit (ein Lesebuch, hrsg. von Horst Wernicke). Rowohlt 1993.
Ders.: Der Mythos von Sisyphos (frz. 1942). Ein Versuch über das Absurde. Rowohlt 1995.
Ders.: Tagebücher 1935-1951. Rowohlt 1997 (Neuausgabe).
Ders.: Tagebuch März 1951-Dezember 1959. Rowohlt 1997 (Neuausgabe).
Ders.: Der erste Mensch. Roman. Rowohlt 1998.
Ders.: Der Mensch in der Revolte. Essays. Rowohlt 2003.

George, Siegfried: Dissens als Lebenselement: „Ich empöre mich, also sind wir.“ In: Schiele und Schneider 1987, S. 145-164.

Hackenesch, Christa: Jean-Paul Sartre. Rowohlt Monographie, Reinbek 2007 (2. Auflage).

Sändig, Brigitte: Albert Camus. Eine Einführung in Leben und Werk. Reclam (Leipzig) 1983.
Dies.: Albert Camus. Rowohlt 1997 (2. Auflage).

Sartre, Jean-Paul: Die Wörter. Buchgemeinschafts-Ausgabe, Stuttgart o.J.

Schiele, Siegfried / Schneider, Herbert (Hrsg.). Konsens und Dissens in der politischen Bildung. Metzler, Stuttgart 1987 (Didaktische Reihe der Landeszentrale für Politische Bildung in Baden-Württemberg).

Schulz-Hageleit, Peter: Lebensstrom und Rationalität. Ein Essay über Humanismus in Zeiten des Krieges (= Sonderheft 1 der Zeitschrift humanismus aktuell, Berlin 1999; vergriffen, Restexemplare beim Autor).
Ders.: Am Jungbrunnen des Lebens. Eckwerte humanistischen Denkens. Peter Lang Verlag, Frankfurt a.M. 2002.
Ders.: Menschlicher Fortschritt – gibt es den überhaupt? Geschichte – Ethos – Bildung. Centaurus-Verlag, Pfaffenweiler 2008.

Sen, Amartya: Der Freiheit eine Chance. In: DIE ZEIT, 6. Dezember 2007

Todd, Olivier: Albert Camus. Ein Leben. Rowohlt 1999 (aus dem Französischen übersetzt).

Weiss, Peter: Die Ästhetik des Widerstands. Roman. Ausgabe in einem Band. Suhrkamp 1986.