Materialien: Humanismus / Humanistische Lebenskunde - www.schulz.hageleit.de

Was ist das Besondere an der Humanistischen Lebenskunde?

Das besondere Profil der HLK lässt sich nicht an einem einzelnen Punkt "festmachen"; es ergibt sich vielmehr aus der Zusammenschau mehrerer Faktoren, die von keineswegs belanglosen Äußerlichkeiten (keine versetzungsrelevante Zensurengebung) bis zu psychologisch-inneren Komponenten (Haltung und Persönlichkeit des Lehrers/der Lehrerin) reichen und durch tägliche Erfahrungen im Schulalltag zu ergänzen sind.

1. Zur schulrechtlichen Besonderheit: Das Fach ist freiwillig und sollte es bleiben. Wenn eine Wahlpflicht eingeführt werden sollte, müssten wir überlegen, ob es eine Anwesenheitspflicht aber keine Zensierung gibt, denn die Zensur erschwert die freie Auseinandersetzung.
Diskutieren wir über freie Kommunikation und die Bedeutung der Benotung im Unterricht.

2. Das Besondere der HLK ist auch seine Neuheit: Religionsunterricht gibt es in Europa schon so lange, wie es Schulen und Unterricht gibt. Die Humanistische Lebenskunde ist dagegen brandneu und in seiner aktuellen Berliner Form auch einzigartig. [1] HLK ist die pädagogisch-didaktische Antwort auf Pluralisierung, Modernisierung und Säkularisierung der Gesellschaft.
Diskutieren wir die Frage: Ist Lebenskunde-Unterricht ein Job wie jeder andere, oder ist er mit dem Gefühl verbunden, an einer fortschrittlichen, richtigen, vernünftigen Entwicklung aktiv beteiligt zu sein? (Ausblick auf "gutes" bzw. graduell zu verbesserndes Leben)

3. Eine Besonderheit der Unterrichtsführung: HLK hat einen Rahmenplan, der zur Zeit neu konzipiert wird, und verfolgt dementsprechende Lernziele (Kenntnisse, Einsichten, Kompetenzen). Die Lernprozesse der HLK sind andererseits stärker als in anderen Fächern auf konstellationsabhängige Entwicklungen angelegt und daher nicht in inhaltlich und zeitlich fixierten Lernzielen zu erfassen.
Diskutieren wir über das Verhältnis von Planung und Spontaneität, von Ergebnisorientierung und Ergebnisoffenheit, von Lenken und Gelenktwerden.

4. Zur weltanschaulichen Begründung: Während des Wort "Lebenskunde" die informative Seite des Unterrichts benennt, [2] verweist das Wort "humanistisch" auf den mindset des Faches, [3] zu dem u. a. der persönliche und gesellschaftliche Emanzipationsanspruch gehört (Befreiung von...). In dieser Haltung werden die ungedeckten Schecks aller Jenseitsversprechungen zurückgewiesen und Erlösungssehnsüchte rational integriert, während gleichzeitig die Möglichkeiten im Hier und Jetzt intensiver genutzt werden.
Diskutieren wir über assoziative Erfahrungen, die uns beim Stichwort Emanzipation/Befreiung von... durch den Kopf gehen.

5. Zur handlungsrelevanten Wertorientierung: HLK überschneidet sich curricular-inhaltlich mit anderen Fächern (u. a. Sozialkunde, Philosophie, Biologie), ist aber aufgrund seiner "ideologischen" und organisatorisch-rechtlichen Anbindung an den Humanistischen Verband nicht mit diesen gleichzusetzen. Ein Wesenszug der HLK ist die handlungsrelevante Wertorientierung, die deutlich wird, wenn wir Naturkunde/Biologie mit Natur- und Umweltschutz vergleichen; Geschichte der Menschenrechte mit amnesty international; Religionskunde mit Gottesdienst usw.
Diskutieren wir HLK im Vergleich zu anderen Fächern (Konvergenzen und Differenzen).

6. Eine Besonderheit der HLK-Didaktik so, wie sie mir vorschwebt, kann als Symbolik zum Anfassen bezeichnet werden. Beispiel: Wasser als Realität, Lebensressource und Lebenssorge [4]. Das Besondere der HLK wird deutlich, wenn wir abermals verschiedene Perspektiven vergleichen: religiöser, mythologischer und literaturgeschichtlicher Kontext [u.a. Märchen, Wasser des Lebens], sozialkundlicher Kontext, geopolitischer Kontext, Alltagserfahrungen mit Wasser usw.: Sinn-Bilder als Hilfsmittel zur eigenen kreativen Lebensgestaltung anbieten ist eine wichtige Leitlinie der HLK.
Zur Diskussion: Welche Bilder / Sinn-Bilder / Symbole / Embleme haben für mich persönlich und für "meine"“ SchülerInnen besondere Bedeutung? Warum?

7. Im Besonderen des Humanismus und der Humanistischen Lebenskunde liegt ein allgemeinerer Anspruch, den wir leben, verkörpern, diskursiv erörtern und weiter entwickeln, aber nicht predigen sollten.
Zur Diskussion: Welchen Postulaten oder Werten fühle ich mich besonders verpflichtet? Welche Postulate und Werte liegen mir didaktisch-pädagogisch besonders am Herzen?

8. Für viele Lebenskunde-LehrerInnen sind die relativ kleinen Gruppen und die Freiwilligkeit des Unterrichts eine besondere Qualität, die den ansonsten vorherrschenden Schulstress etwas mindert. Mann und Frau können eher entspannen, durchatmen, sich Zeit nehmen und auf die SchülerInnen einstellen.

 


[1] Nach einem zweijährigen Schulversuch, den die damalige Schulsenatorin Hanna-Renate Laurien 1982 genehmigt hatte, wurde die Humanistische Lebenskunde als freiwilliges Schulfach, parallel zum Religionsunterricht, 1984 zugelassen. Die schul- und ideengeschichtlichen Vorläufer dieser Einrichtung sind natürlich viel älter und können bis in die Aufklärung zurückverfolgt werden.

[2] Die Kennzeichnung eines Faches oder eines Arbeitsbereiches mit "-kunde" kommt in zahlreichen weiteren Begriffen vor (Gesellschaftskunde, Erdkunde u. v. a. m.), die das sachlich Unterrichtende betonen.

[3] Die üblichen Begriffe wie Weltanschauung, Ideologie Glaube, Gesinnung, Konfession sind vorbelastet und lösen daher oft emotionalisierte Diskussionen aus, die selten produktiv sind, man denke an die historisch-politischen Erfahrungen mit nationalsozialistischer und kommunistischer "Weltanschauung". Ich schlage daher vor, einen neutraleren Begriff zu wählen. Mindset heißt übersetzt Denkungsart und hat nach Webster zwei Bedeutungen, erstens the direction of one’s thinking (vgl. die Welt in einer bestimmten Perspektive anschauen > Welt-Anschauung) und zweitens a fixed state of mind (Weltanschauung).

[4] Ausführlicher dazu: Peter Schulz-Hageleit, Am Jungbrunnen des Lebens. Eckwerte humanistischen Denkens. Peter Lang Verlag, Frankfurt a. M. 2002, 10. Kapitel.