Materialien: Humanismus / Humanistische Lebenskunde - www.schulz.hageleit.de

Wieviel Erde braucht der Mensch? ist der Titel einer Erzählung von Leo Tolstoj, die viele Leserinnen und Leser wahrscheinlich kennen. Die Frage nach unserem Bedarf an "Erde" spielt für eine humanistische Lebenspraxis eine zentrale Rolle. "Erde" ist aber auch ein Symbol für verschiedene Lebensbedürfnisse, die unbedingt erfüllt werden müssen, damit das Leben als lebenswert erlebt wird.
Um der Diskussion einen festen Ausgangspunkt zu geben, möchte ich den Inhalt der Erzählung zunächst kurz in Erinnerung rufen.

Der Bauer Pachom ist mit seinem Leben aus verschiedenen Gründen nicht ganz zufrieden und sucht nach einer Möglichkeit, sein Land zu vergrößern, um mehr anbauen zu können und so reicher zu werden. Er findet die Möglichkeit, doch auch die neue Lebenskonstellation stellt ihn nicht ganz zufrieden; denn auch auf dem erweiterten und verbesserten Besitz gibt es Ärger, unter anderem mit den Nachbarn. Fest davon überzeugt, dass es auf abermals vergrößerten Besitz keinen Ärger mehr geben würde, sucht er nach weiteren und immer weiteren Möglichkeiten des Ankaufs von Land und findet sie und gelangt schließlich durch Vermittlung eines Kaufmanns zu den Baschkiren, die ihm so viel Land verkaufen wollen, wie er an einem Tag selbst umgehen kann. Ein Tag kostet bei den Baschkiren tausend Rubel, egal wieviel der Käufer "schafft".
Wie zu befürchten (denn der Teufel hat seine Hand im Spiel!), übernimmt sich Pachom gründlich. In der ersten Tageshälfte kommt er rasch und rüstig voran, doch die zweite Tageshälfte - es ist glühend heiß - fällt ihm mit jedem Werst (früheres russisches Längenmaß, 1,067 km) schwerer. Schon ist die Sonne untergegangen, doch auf dem Hügel, von dem aus der Marsch losging, ist sie noch zu sehen, und die Baschkiren feuern Pachom mit Rufen und Gesten an, das letzte Stück schnell noch hinter sich zu bringen. Er schafft es. "Gut gemacht!" schreit der Älteste der Baschkiren. "Viel Land hast du gewonnen?" Doch Pachom fällt um und ist tot, Blut fließt aus seinem Mund. Der Knecht, der Pachom begleitet hat, kommt gelaufen, nimmt die Hacke und gräbt Pachom ein Grab, das genau so lang ist wie das Stück Erde, auf dem Pachoms Körper liegt.

Land- und Lebensgier macht den Menschen unglücklich, sie treibt ihn in den Tod. Das ist meiner Auffassung nach die Quintessenz dieser anschaulich-spannend präsentierten Erzählung, die mit Pachoms Tod genau am Ziel seines Begehrens etwas stilisiert, im Ganzen aber, realistisch betrachtet, nicht einmal unwahrscheinlich ist. "Land" steht dabei, wie schon angedeutet, metaphorisch oder gar symbolisch für existenziell wesentliche Lebensgüter. Was dem Bauern Land und fruchtbare Erde bedeuten, das ist für den Städter vielleicht Geld, für den General eine mächtige Armee, für Wissenschaftler das Forschungslabor usw. Eine Bäuerin kann ich mir als Akteurin der Story übrigens nicht vorstellen. Die auf Besitz und Macht ausgerichtete Land- und Lebensgier scheint ein typisch männlicher Charakterzug zu sein.
Für seine Beerdigung braucht der Mensch in Tolstojs Erzählung etwa so viel Platz wie der tote Körper ausfüllt. Das Grab ist das Erdvolumen, das ein Mensch nach seinem Tod braucht. Bei Bestattungen von Urnen in Friedhofshäusern mit mehreren Stockwerken und vor allem bei modernen Bestattungen (z.B. Urnenbeisetzung im Wasser) tendiert der Bedarf an Erdfläche sogar nach Null, doch auf diese Differenzierungen kommt es jetzt nicht an. Wichtig ist vielmehr die Frage, mit wieviel "Erde" man sich im Leben begnügen kann und begnügen sollte. Wann hätte Pachom umkehren müssen? Wann war die Grenze des Erreichbaren überschritten? Kurz vor dem Ziel merkte er selbst, dass er "zu gierig" gewesen sei, doch da war es schon zu spät. Welche Erfahrungen in der eigenen Lebensgeschichte werden durch die Symbolik dieser überzogenen, tödlich endenden Landnahme angesprochen?
Es ist m. E. unergiebig, nach direkten Antworten auf diese Fragen zu suchen weil jedes Leben und Streben einer je eigenen Bedingungs- und Zieldynamik unterliegt, die allgemeine Aussagen von vorn herein in Frage stellen. Ergiebiger und anregender ist es, vor allem im Hinblick auf das hier entworfene humanistische, säkularisierte Denken, den von Tolstoj selbst präsentierten Deutungsrahmen genauer anzusehen, um dann zu überlegen, inwiefern er heute, rund hundertzwanzig Jahre später, noch Gültigkeit beanspruchen kann, wobei auch da die Antworten sicherlich verschieden ausfallen werden.
Wie in der Zusammenfassung schon angedeutet, hatte der Teufel von Anfang an seine Hand im Spiel, ja er kann als der Urheber des Desasters bezeichnet werden. Tolstojs Geschichte beginnt mit einem Streitgespräch zwischen zwei Schwestern, die mit ihren jeweiligen Lebensvorteilen prahlen. Die ältere Schwester lebt in der Stadt und rühmt die Annehmlichkeiten, die das Stadtleben zu bieten hat. Die jüngere Schwester, Frau des Bauern Pachom, lebt auf dem Land und rühmt die Annehmlichkeiten, die das Landleben zu bieten hat. Auch sei das Landleben sicherer, argumentiert sie, denn es führe den Mann nicht in Versuchung, sich dem Kartenspiel, dem Trunk oder einer Liebschaft hinzugeben. Bauer Pachom liegt auf dem Ofen und hört dem Gespräch der beiden Frau zu.

"Es ist ja alles wahr", sagte er zu sich. "Unser einer hat von Kind auf mit der Erde zu schaffen, und deshalb kommen ihm solche Narrheiten nie in den Sinn. Eins ist nur traurig: wir haben zu wenig Land! Wenn ich genug Land hätte, so fürchtete ich niemand, nicht einmal den Teufel." Die Weiber tranken ihren Tee aus, schwatzten noch von Putz und Kleidern, räumten das Geschirr weg und legten sich schlafen.
Der Teufel hatte aber hinter dem Ofen gesessen und alles gehört. Er freute sich, dass die Bäuerin ihren Mann zum Prahlen verleitet hatte: er prahlte ja, wenn er genug Land hätte, so würde ihn auch der Teufel nicht holen können. "Es ist gut" sagte sich der Teufel, "wir wollen sehen: Ich will dir viel Land geben und dich gerade damit fangen."

Für religiöse Menschen wie für bestimmte Glaubensdoktrinen ist der Teufel keine Metapher für Schlechtigkeiten oder gar "das Böse", sondern leibhaftige Existenz, die sozusagen unabhängig vom Menschen ihr Unwesen treibt und dabei die einen erwischt und die anderen verschont, je nach dem, wie Gott als allmächtige Gegenkraft sich dazu verhält. Von Gott ist in dieser Erzählung direkt keine Rede, dafür umso nachdrücklicher in anderen Werken Tolstojs. Pachom ist von Gott verlassen. Er merkt nicht, dass der Teufel sein Spiel mit ihm treibt. Er kann nicht aufhören, innehalten, umkehren, bis zum blutigen Ende.

Übungen:
Formulieren Sie zwei bis drei Stundenziele, die Sie mit der Bearbeitung der Tolstoi-Geschichte anstreben würden. (Stundenziele nennen u. a. praktische Fähigkeiten und Fertigkeiten, Wissen und Verstehen, soziales Handeln und emotionale Beteiligung, die erreicht werden sollen.)
Formulieren Sie zwei bis drei Kompetenzen, die mit der Bearbeitung der Tolstoi-Geschichte längerfristig ins Auge gefasst werden. (Kompetenzen sind weiter gefasste allgemeine Lernziele, die längerer Lernprozesse bedürfen, um erreicht zu werden. Welche Schüleraktivitäten ließen sich mit dieser Geschichte anregen (Handlungsorientierung).

Literaturhinweis: Leo Tolstoi, Volkserzählungen, übers. u. hg. v. Guido Waldmann, Stuttgart 2005.