Peter Schulz-Hageleit:

Von der Idee des guten Lebens zur sozialen Resilienz
Studien zur Psychohistorie des Lebensstils

 

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    Einleitung

    Ein Blick aufs Ganze 

    Der Buchtitel verweist einerseits auf den subjektiven Wunsch des Autors, dass sich die aus der griechischen Antike stammende philosophische Idee des „guten Lebens“ (Eudämonie) zu einer kollektiven, am besten globalen Widerstandskraft (Resilienz) gegen die fortschreitende Verhunzung des Lebens weiterentwickeln möge. Er verweist andererseits aber auch auf gesellschaftlich objektive, politisch-materielle Protest- und Veränderungsprozesse, die der Miss- und Nichtachtung des guten Lebens offensiv entgegentreten (Friedensbewegungen, Umwelt- und Klimaschutzbewegungen, Menschenrechtsbewegungen).

    Die Begriffe des Untertitels fokussieren den Gedankengang auf dem ansonsten etwas unübersichtlichen Themenfeld, das die Begriffe gutes Leben und Resilienz dialektisch aufeinander zu beziehen sucht: Psychohistorie überschreitet Traditionen und Abgrenzungen der akademischen Geschichtswissenschaft, indem sie Selbstreflexion und Unbewusstheiten bewusst in die Recherchen einbezieht. Lebensstil verweist auf die materiell-sichtbare Seite der eher psychologisch definierten Resilienz, die normativ konnotiert ist; denn: Resilienz ist nach der hier entfalteten Argumentation eine Bürgertugend, die immer wieder einzufordern und einzubringen ist, wenn auch mit je eigenen, oft recht verschiedenen Namen.

    Im Unterschied zu bestimmten wissenschaftlichen Ausarbeitungen zum Thema Resilienz richtet dieses Buch die Aufmerksamkeit nicht soziologisch auf „resiliente Gesellschaften“ im Ganzen, sondern psychohistorisch auf verschiedene Ausprägungen von Resilienz innerhalb der Gesellschaft, mithin auf Verbände, Parteien, Kollektive, Internet-Strukturen, pädagogische Einrichtungen (→„Lernen“), am Ende auch auf Individuen, wie das letzte Kapitel im historischen Rückblick verdeutlichen wird.

    Im Subtext der Recherchen zu den Begriffen Lebensstil und Resilienz stecken darüber hinaus Fragen an die Leserinnen und Leser nach ihrer eigenen Positionierungen in dem Problem- und Aufgabenfeldfeld.

    Ein inhaltliches Leitmotiv mit sowohl kollektiver als auch individueller Relevanz lautet Challenge and Response. Es wurde vom englischen Historiker Arnold Toynbee geprägt, der es aber ausschließlich auf kulturgeschichtlich-gesellschaftliche Prozesse bezog. In Fortsetzung und Erweiterung der Toyhnbee’schen Denkformation wird das Begriffspaar Challenge and Response auch als Anstoß zur Erklärung von entwicklungspsychologischen Prozessen genutzt, die offenbar auch Toynbee selbst inspiriert haben.

    Abb. 1: Der entscheidende Faktor – Resilienz (Quelle: life.de)

     

    Die einzelnen Kapitel – eine grobe Übersicht: 

    Das erste Kapitel deutet die europäische Philosophie des 18. Jahrhunderts als Herausforderung an die globalisierte Gegenwart und Zukunft, die der weiteren Aufklärung im wissenschaftlich-säkularen Sinn bedürfen, ohne damit selbst in die Falle einer Ersatzreligion zu tappen.

    Das zweite Kapitel setzt sich mit Wegen und Irrwegen der Psychohistorie auseinander, wie sie bisher vertreten wurde, und eröffnet damit gleichzeitig den hier in Aussicht genommenen Weg.

    Das dritte Kapitel ist bildungstheoretisch-didaktisch angelegt. Es bietet Anregungen zur Gestaltung von Lehr-Lern-Prozessen, die dazu beitragen bzw. beitragen sollen, dass über die Beschäftigung mit Geschichte ein kritisches Gegenwartsbewusstsein entsteht.

    Das vierte Kapitel ist dem eben schon erwähnten englischen Historiker Arnold Toynbee gewidmet, der mit Leben und Werk veranschaulicht, wie allgemeine politische Geschichte und individuelle Lebensgeschichte psychohistorisch ineinander greifen.

    Das fünfte Kapitel widmet sich anhand von drei ideen- und kulturgeschichtlich bedeutenden Persönlichkeiten (Montaigne, Valéry, Davis) der Frage, wie die Spannung zwischen Psyche und Historie die Bildung der Einheit im Ich („Identität“) fördern kann.

    Die Einheit im Ich, der innere Zusammenhalt sowie die psychohistorische Kohärenz sind nicht leicht zu verwirklichen bzw. zu wahren (sowohl persönlich-emotional als auch professionell-wissenschaftlich), weil die Psychohistorie von Lebensgeschichten Brüche und Umbrüche zu verarbeiten hat, die nicht ohne Weiteres in einer Systematik zu integrieren sind. Dieser Dynamik ist das sechste und letzte Kapitel gewidmet, das

    - Imaginationen früherer Jahre kritisch aufs Korn nimmt und „historisiert“ (Psychohistorie als Historie der eigenen Psyche im Kontext historischer Vernetzungen);

    - das ferner sowohl „gutes Leben“ als auch Resilienzen gegenüber den Überwältigungen der Geschichte anhand ausgewählter Texte dokumentiert und so auch weitere Anregungen für weitere Lehr-Lern-Prozesse vermittelt (Psychohistorie als historische Vernetzung von Lebensinteressen im Wandel).

     

    Ein Hinweis zum Autor: 

    Ich war als Kind (geboren 1939) vom mörderischen Ungeist des Nazismus durch das Vorbild der Eltern unbewusst tief durchdrungen. Vor dem realgeschichtlichen Hintergrund und mentalitätsgeschichtlichen Untergrund der nationalsozialistischen Verbrechen ist die „Aufarbeitung der Vergangenheit“ im familiär-lebensgeschichtlichen Kontext mein professionelles Lebensthema geworden. Die nicht-jüdischen, deutschen Historiker konnten mir dabei kaum helfen, oft haben sie sogar nur Verwirrung gestiftet. Dagegen waren jüdische Autoren wie Imre Kertész (Nobelpreisträger für Literatur, 1929-2016), Saul Friedländer (Historiker, 1932-xxx) und Claudio Lanzmann (Film-Epos Shoa, 1925-xxx) eine wirksame Nachhilfe, nachdem ich verstanden hatte, psychoanalytisch eingestimmt, wie ich diese „Nachhilfe“ auf meine Weise am besten nutzen konnte.

    Einen vergeblichen Versuch von 2016, das Thema Psychohistorie in den Horizont der Geschichtswissenschaft zu rücken, habe ich auf meiner Internetseite dokumentiert.